Das Projekt

Wir haben Menschen gesucht und gefunden, die mit uns Geschichten erzählen und anderen Mut machen wollen. Mit selbst erlebten Geschichten bei denen eine negative Situation glücklich ausgegangen ist oder Antrieb für etwas Gutes wurde, haben wir einen Blick über die Gartenzäune und hinter die Haustüren des Kasseler Ostens gewagt.

 

Aus den eingesandten Geschichten haben wir zwölf ausgewählt. Diese Geschichten wurden mit tatkräftiger Unterstützung der "Kreativ Frauen" vom Agathofzentrum  in Kassel Ost und der Werkstatt e.V. in Kassel West, für die Präsentation im öffentlichen Raum gestaltet und in Schaufenstern präsentiert.

 

Ihr findet die Geschichten (auf einer Straßenseite) zwischen dem Kreisel und dem Leipziger Platz 

 

A L L E, ob alt ob jung, sind aufgefordert mitzumachen, die Orte der dreizehn Geschichten zu finden und herauszufinden, welche der Geschichten die erfundene Geschichte ist.

 

Schreibt uns welches die erfundene Geschichte ist an: kirsten.stein@story-camper.de

 

Unter den richtigen Einsendungen wird eine Gewinnerin / ein Gewinner ermittelt, und erhält eine Überraschung aus Kassel Ost ...

 

1. Preis: Eine Geschichte kommt zu dir - Kirsten Stein erzählt DIR eine Geschichte

2. Ein Kursangebot im Agathof oder Eintritt für zwei Personen für eine Veranstaltung der Kulturfabrik Salzmann

3. Ein Goodiebag mit Kleinigkeiten vom Agathof und der Kulturfabrik Salzmann

 

Einsendeschluss ist der 6. Januar 2022

Die MutMachGeschichten

Hier kannst Du die Geschichten in voller Länge lesen. Wir wünschen Dir viel Spaß dabei!

Dranbleiben! 

Hannelore Diederich
Mitte der 1970er Jahre wurden in Hessen Elternbeiräte auch in Kindertagesstätten

eingeführt. Die Kita-Leitungen hatten zuerst Vorbehalte: Die mischen sich jetzt überall ein usw.Das sollte sich aber schnell ändern:

Die städtische Kindertagesstätte am Faustmühlenweg mit angeschlossenem Hort lag direkt

am Faustmühlenweg, das Spielgelände nur durch einen Zaun von der Straße getrennt. Wenn nun z.B. beim Spielen ein Ball über den Zaun flöge und auf der Straße ein Unfall verursachte, wäre die Leiterin persönlich haftbar.
Das war durch den Arbeitgeber nicht abgedeckt.

Der Leiterin – ebenso die Situation in der Kita Struthbachweg in der Nordstadt – blieb also

nichts anderes übrig, als das Ballspielen zu verbieten. Und nun kommt der Elternbeirat ins Spiel. Die Kita-Leiterin als städtische Angestellte hatte keine Möglichkeit, an der Situation etwas zu ändern. Aber der Elternbeirat konnte sich beschweren, und das haben wir auch getan.

Nach zähem Ringen mit dem Jugendamt kam Hans Eichel als frisch gewählter Oberbürger- meister persönlich zum Ortstermin.

„Die Bäume vom oberen Teil des Geländes kommen an den Zaun und oben wird ein Spielgelände für die Kinder eingerichtet!“ war seine Anweisung und fortan konnten die Kinder wieder Ball spielen.

Das war für den Rest meines Lebens eine Erfahrung: Man muss nur dranbleiben ... 

Die Patient ist nicht die Clinic! Roland Goldack

 

„Herr Träge muss sich unseres Erachtens einer kontinuierlichen und regelmäßigen psychiatrischen Behandlung unterziehen, um überhaupt wieder eine Lebensperspektive für sich entwickeln.
In einer psychiatrischen Station wird es besser möglich sein, ihn medikamentös vernünftig einzustellen. Die Wirkung der Medikamente ist dort vom Facharzt beobachtbar.
Herrn Träges Tendenz, alle unangenehmen Angelegenheiten aus dem Weg zu gehen muss entgegengewirkt werden.

 

Momentan ist er von psychotischen Ängsten getrieben, psychisch instabil und treib immer weiter in die Psychose.
Ich fordere Sie hiermit als sein rechtlicher Betreuer auf ihn umgehend auch gegen seinen Willen 
langfristig in einer psychiatrischen Klinik unter zu bringen.“

Typisch Heimleitung! Pflegeleichte Insassen ohne Widerworte ist häufig das vorrangige Ziel.

Auch das Gesundheitsamt meint, dass der Betreute dringlich in eine stationäre Psychiatrie müsse.

Auch nicht sehr ungewöhnlich.

Es ist ein heftiger Druck entstanden, der allein den empfindsamen Herrn Träge tatsächlich psychisch entgleisen lassen kann.
Er selber kommt täglich, sitzt verzweifelt da, Tränen in den Augen: „Die werden mich noch mit Handschellen aus dem Wohnheim abführen. Ich hab so Angst vor der Zwangseinweisung!“ „Mit Handschellen wird’s nicht gleich passieren. Die Ängste sind nur wegen der Zwangseinweisung?“
„Ja, der Doktor Peters hat auch noch gesagt, dass wenn ich nicht in seine Gruppentherapie käme, dann gäbe es eine Zwangseinweisung.“
„Mit ein
er Zwangseinweisung ist eigentlich nur bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung zu rechnen. Ich verstehe auch, dass man bei solchen Drohungen Angst bekommt.“
Es gelingt Herrn Träge etwas zu beruhigen und zu Wohlverhalten zu motivieren, damit es
keine Eskalationen gibt.
Spät nachts 
– es ist bereits ein Uhr – ruft mich der Betreute zu Hause an: „Ich halte den Druck mit der Zwangseinweisung nicht mehr aus! Ich trinke jetzt Alkohol und dann bringe ich mich um!“
„Tu das nicht! Bisher gibt es keine Zwangseinweisun
g und auch keinen Grund dafür. Außerdem haben wir doch am 06. Juni einen Termin bei dem Psychiater Schneider und den werden wir auch noch mal fragen – der soll doch ganz umgänglich sein.“
„Und wenn der auch für Zwangseinweisung ist?!“
„Das werden wir sehen
. Mach dich nicht verrückt. Ich habe schon mit dem zuständigen Amtsrichter telefoniert. Der sieht bisher auch keine Grund für einen Unterbringungsbeschluss. Sorge weiterhin dafür, dass nicht noch ein Grund entsteht.“
Im weiteren Gesprächsverlauf fasst Herr Träge wieder etwas Mut und beruhigt sich.

Die Praxis des Psychiaters Schneiders liegt an einer lauten Ausfallstraße in einem minderprivilegierten Wohngebiet im Kssseler Osten. Dr. James Schneider steht auf dem Praxisschild. Wir betreten die Praxisräume. Herr Träge ist guter Dinge und sitzt gefasst neben

 

mir auf ramponiertem Wartezimmermobiliar. Die ganze Praxis ist voller Patienten, der Psychiater im frisch gestärkten weißen Kittel lehnt lässig an die Empfangstheke und ermahnt zu regelmäßiger Medikamenteneinnahme. Es dauert über zwei Stunden bis wir drankommen. Auch im Sprechzimmer des Arztes stehen stark abgenutzte Praxisstühle, aus der Wand hängt ein nicht abisoliertes Stromkabel. Der Doktor hat hinter seinem Schreibtisch im Chefsessel Platz genommen.
„Sie sind Engländer?“, eröffne ich das Gespräch.
„No, American. Ich bin wegen meine Frau hier zu Deutschland gekommen und ich muss 
Ihnen gleich sagen, Betreuer, Ihr hier bei die Deutschen, Ihr habt eine schöne Land, aber Ihr steht nicht hinter Eure neues Präsident Köhler! Das ist nicht richtig! Wir in America, wir stehen hinter unseres Präsident George W. Bush. Okay – im Moment er ist in die Krise, aber er ist ein gutes Präsident und wird wieder das Wahl gewinnen. Okay – er ist in die Krise und deshalb stehen alle von die Bevölkerung hinter die Präsident. Das müsst Ihr auch lernen, hier bei die Deutschen!“
„Okay Dr. Schneider, wir wollen das nicht vertiefen. Hier mein Betreuter soll per Gerichtsbeschluss stationär in die Psychiatrie eingewiesen werden.“
Doktor Schneider mustert mich scharf und unwillig: „Ich kenne doch die Herrn Träge seit längere Zeit. Und da muss ich Ihnen sagen, Betreuer, Ihre Namen kann ich sowieso nicht merken, Betreuer, dass mit die Einweisung, das geht nicht so leicht! Nur, wenn die Patient wirklich schwer krank ist. Ich werde die Patient nun untersuchen!“
Der Arzt wendet sich nun an den Betreuten: „Herr Träge, ich kenne Ihnen ja schon seit die längere Zeit. Sagen Sie mal die Datum von die heutige Tag.“
„Heute ist der 08. Juni!“, antwortet Herr Träge wi
e aus der Pistole geschossen.
Der Arzt wirft mir einen triumphierenden Blick zu: „Sie sehen, Betreuer, die Patient ist sehr gut orientiert!“ und wendet sich wieder Herrn Träge zu: „So, haben Sie Probleme in die Kopf?“
„Ja, ich hab so 
Angst, dass ich zwangseingewiesen werde in die Psychiatrie.“
„Und, haben Sie auch Angst vor die Geheimdienst oder vor die Funkwellen?“
„Nein, ich hab nur 
Angst, dass ich mit Zwang in die Psychiatrie komme.“
„Gut, sagen Sie mal Ihre Namen und wo ist die Wohnung.“
Herr träge kann alles gut benennen und Dr. Schneider wendet sich nun in stolzer Haltung zu mir: „Sie sehen, Betreuer, die Patient ist nicht die Clinic!“
„Ja, aber Gesundheitsamt und Heimleitung haben mir sogar geschrieben, sie meinen 
....“ „Der Patient ist nicht Clinic!“ , unterbricht mich Dr. Schneider ungehalten und fährt fort: „Okay, wir machen von die Patient noch eine EEG. Dass können Sie von die Laien nicht verstehen, aber wir von die Doktor können damit tief reinschauen in die Gehirn von die Patient.“
Wieder warte ich auf defekten Stuhl, bis das EEG fertig gestellt ist. Es hat keinen pathologischen Befund erbracht und wir wollen gerade die Praxis verlassen.
„Betreuer!“ Doktor Schneider lehnt wieder an der Theke und ruft mir in scharfen Ton hinter her: „Merken Sie sich: die Patient ist nicht die Clinic!“
Draußen ist Herr Träge gut gelaunt – die klare Trennung von Patienten und Klinik hat deutliche Entlastung geschaffen. 

Blonder Engel

Ich bin eine halbe Stunde südlich von Kassel und habe einen dringenden Termin in Kassel Ost.

Jetzt schnell auf die Autobahn, vielleicht kann ich die fehlenden zehn Minuten noch aufholen.
Ich rase, schon wieder. Das muss ich mir dringend abgewöhnen!. Ich fahre mit 160 kmh auf der linken Spur neben mir ein Reisebus und daneben ein LKW.
Etwas fühlt sich komisch an, vorne links. Die Leitplanke kommt sehr nah. Ich ziehe gerade noch rüber an Reisebus und LKW vorbei rechts auf den Standstreifen. Der Reifen vorne links ist platt. Nun stehe ich da an einer unübersichtlichen Stelle direkt hinter einer Kurve. Die LKWs rasen an mir vorbei, ihr Fahrtwind bedrückt mich und es dröhnt in meinen Ohren.

Wie soll ich jetzt meinen Termin einhalten? Ich kann niemanden sagen das ich mich verspäte, ich habe keine Telefonnummer. Verdammt ich muss nach Kassel! Dringend!

Anruf beim Pannendienst: „Wir kommen in ca 45 – 90 Minuten“ Na toll, ich muss in 18 Minuten in Kassel Ost sein.

Ich will den Reifen selber wechseln- Mist ! Mein Wagenheber ist kaputt – Andererseits ist es sowieso ganz schön gefährlich seinen Hintern in die rechte Spur der Autobahn zu hängen....

Stress und Panik – ich muss das Warndreieck aufstellen – der Fahrtwind der LKWs lässt mich dabei schwanken... ich singe mir Mut an.

Ich stelle das Warndreieck auf und sehe einen VW Bus auf der mittleren Spur, er fährt schnell, dann bremst er ab zieht rüber, hält kurz vor meinem Auto und ein über zwei Meter großer blond gelockter Engel steigt aus und winkt mir.

„Du passt auf was sich auf der Autobahn tut und sagst mir Bescheid wenn Gefahr ist!“ Ich nicke. Er schnappt sich den Ersatzreifen und seinen Wagenheber und wechselt in sekundenschnelle meinen Reifen.

Ich kann es nicht fassen, danke ihm, bin glücklich.
Er winkt ab steigt in sein Auto und ist auch schon davon gebraust als ich gerade noch feststelle das

die Panne behoben ist.

Ich fahre weiter und bin mit nur 10 Minuten Verspätung zum vereinbarten Termin anwesend, erleichtert, glücklich und etwas irritiert über das eben erlebte Wunder. 

Drachenwetter 

Simone Agnes-Höhle
Herbst. Ich komme aus der Schule. Mittagessen, Hausaufgaben, es ist noch früh.

Mein Bruder ist noch nicht da, meine Mutter macht irgendwas im Haus. Ich bin sieben. Es ist Drachenwetter.

Bei mir klappt es nie. Immer renne ich, er steigt hoch und knallt direkt wieder runter. Mein

Bruder ist zehn. Er hält den Drachen immer oben, sogar die ganze Schnur, sogar die doppelte Schnur. Sein Drachen liegt in seinem Zimmer. Ich nehme ihn trotzdem.
Ich schleiche hinten aus dem Haus.

Ich gehe durch den Garten, aus dem Garten raus, ich klettere über den Stacheldrahtzaun.

Die Wiese liegt am Hang. Sie ist frei. Keine Kuhfladen. Der Wind geht mittel.Es wird sowieso nicht klappen. Ich wickele ein Stück Schnur ab, halte den Drachen gegen den Wind und lasse los.
Sofort geht er hoch. Ich muss nicht mal laufen. Nur abwickeln und hinaufschauen und mit meinem Drachen an der Leine über die Wiese spazieren.Er zieht und zieht.

Doppelte Schnur. Ich kann es jetzt auch.
Der Boden bebt.Ein Blick nach hinten. Die Bullenherde stampft auf mich zu. Ich renne. Ich renne,

der Drachen zieht, in meinem Nacken spüre ich das Schnauben.

Der Zaun.Ich lasse mich auf den Rücken fallen und rutsche durch.
Ein Ruck durchtrennt die Schnur.Die Herde steht. Der Drachen trudelt. Er bleibt in einer Buche

hängen. Ich erzähle es meinem Bruder, damit es nicht rauskommt.

Nachtrag:

Mein Bruder war sehr froh, dass ich noch lebe und wir haben nochmal geschaut, ob wir irgendwie an den Drachen rankommen, was unmöglich war. Er hing da noch mehrere Jahre in der Baumkrone.

Den Verlust hat mein Bruder auf seine Kappe genommen. 

Meine Mutmach-Geschichte 

Birgit Schäfers

Womit will ich Mut machen? Das Leben ist kein Ponyhof und so hat jeder seine Geschichte und sein Päckchen – manche ein Paket – zu tragen. Nun geht jeder Mensch mit seiner Geschichte und dem, was ihm das Leben so anspült, anders um. Ich möchte meine Geschichte meiner Erkrankung erzählen und was sich daraus entwickelt hat bzw. was ich daraus gemacht habe:

Ich leide seit Kindheit an verschiedenen Formen von Essstörungen. Viele Menschen kennen das, für viele ist es ein Leid, das wenige nachvollziehen können. Nachdem ich durch unterschiedliche Wege sehr viel Gewicht verloren hatte, beschloss ich im Alter von 43 Jahren, viel überschüssige Haut entfernen zu lassen und in diesem Zuge leider auch für Brustimplantate, da ich kein eigenes Brustgewebe mehr hatte. Nun werden vielleicht viele Menschen nicht weiterlesen, weil sie denken „Was interessieren mich Brustimplantate – selbst schuld – das betrifft eh nur eine kleine Randgruppe“ oder ähnliches.

Nein! Es ist ganz anders! Die Zahlen der Implantationen in Deutschland steigen, die Frauen werden immer jünger. Influencerinnen feuern es an; Frauen haben die unterschiedlichsten Gründe, sich für Implantate zu entscheiden: Mütter, die Kinder gestillt haben und sich nicht mehr weiblich genug fühlen, Frauen mit Fehlbildungen, Frauen nach starker Gewichtsabnahme und nicht zuletzt – welch Tragik: Frauen nach Brustkrebserkrankung, die nach einer schlimmen Krebserkrankung erneut erkranken - Implantaten. Silikon kann sehr krank machen – Breast Implant Illness - Brustimplantaterkrankung betrifft weltweit Hunderttausende – wie ich heute weiß. Heute bin ich vernetzt mit Betroffenen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch.

Und jeder hat Frauen im Umfeld, die vielleicht irgendwann die Diagnose Brustkrebs erhalten – darum ist es für jeden wichtig! Und glauben Sie mir: jeder hat mindestens eine Frau im Umfeld, die mit dem Gedanken spielt oder längst Implantate trägt, aber nicht darüber spricht. Ich spreche aus Erfahrung. Frauen, von denen Sie es nicht vermuten würden.

Mir ging es 4 Jahre wunderbar und ich traute mich endlich, schwimmen zu gehen und war frei in meinem Körper. Vorher bestand ich nur aus Scham.

Nach ca. 4 Jahren bin ich schwer erkrankt, ich lief von Facharzt zu Facharzt, war viele Male viele Nächte in der Notaufnahme von Krankenhäusern. Niemand nahm mich ernst, denn niemand fand etwas. Es gab Zeiten, in denen ich dachte, mein Herz bleibt stehen, ich konnte mich kaum bewegen, hatte Atemnot, sah plötzlich ganz schlecht, mein Arm und meine Hand wurden taub, ich hatte ständig Infektionen, hatte quälenden Hautausschlag, Dauerhusten, Schwindel und sehr viel mehr.

Schmerzen in der Brust hatte ich nie! Und so sah weder ich noch irgendein Arzt einen Zusammenhang zu den Implantaten. Meine Blutwerte waren in Ordnung, also war ich für meine Ärzte „psychosomatisch erkrankt“.

Ich hatte mich aufgegeben, hatte einen guten Job verloren, machte mein Testament, kaufte einen Baum im Ruheforst. Aber ich spürte auch, dass ich fündig werden wollte und so entdeckte ich 2016 eine amerikanische Gruppe zum Thema. Ich las 3 Wochen Tag und Nacht, denn ich wusste nach einer halben Stunde, dass meine Geschichte genau diese war, die ich dort zu lesen bekam. Immer wieder. Mir wurden die Augen geöffnet und ich begriff, was los war mit mir.

 

2016 ließ ich meine Implantate entfernen, leider nicht mit der richtigen OP-Technik und noch dazu war eines der Implantate Matsch in meinem Körper, das heißt das Silikon ist im Körper verteilt. Ich bin heute schwerbehindert nach einem 2-jährigen Klageweg und bin teilberentet. Wahrscheinlich war das Silikon zu lange frei in meinem Körper. Aber auch nicht defekte Implantate machen krank.

Was soll Ihnen nun Mut machen an meiner Geschichte?: Ich habe entschieden, mich schlau zu machen, andere Betroffene zu suchen, mich mit Ärzten zu vernetzen im In- und Ausland. Ich weiß heute sehr viel zu diesem Thema – vom Großteil der Ärzte werden wir immer noch belächelt. So geht es vielen Menschen, die eine Erkrankung haben, die unbekannt ist. Heute betreue ich mit einem Team anderer betroffener Frauen mehr als 4.100 Frauen!

Täglich kommen neue hinzu. Wir unterstützen auf allen Ebenen, beim Krankenkassenantrag, bei der Arztrecherche, wir machen Mut, geben Infos zu Behandlungsmethoden, tauschen uns aus und helfen. Ich bin krank geblieben, aber ich gehe weiter und ich schweige nicht!

Ich möchte Mut machen, sich bei einer Erkrankung, die (noch) wenig bekannt ist oder gar abgestritten wird – und davon gibt es nicht wenige - nicht mit der Diagnose „psychosomatisch erkrankt“ oder „Somatisierungsstörung" aufs Abstellgleis stellen zu lassen. Aufgegeben und meist mit Psychopharmaka versorgt.

Ich möchte Mut machen, auf sich selbst zu hören, auf das eigene Gefühl zu vertrauen, wenn wir spüren, dass etwas im Körper erkrankt ist, und das Problem nicht zwischen den Ohren besteht.

Mut, sich mit anderen zu vernetzen und so Hilfe zu finden - da, wo viele Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind. Mut machen, nicht zu schweigen, sondern die eigene Geschichte zu erzählen und damit vielen anderen zu helfen.

Für mich persönlich ist es nicht gut ausgegangen, aber ich will darin Mut machen, trotzdem weiterzumachen und aus seinem eigenen Schicksal z.B. ein wichtiges ehrenamtliches Projekt zu machen, das dann vielen anderen Menschen hilft.

Und das tut es. Viele Frauen hatten oder haben sich schon aufgegeben und finden durch das Teilen meiner und unserer Geschichte und durch mein Engagement, Gesundung. Viele sagen „Ich habe mein Leben zurück“.

Wir machen Öffentlichkeitsarbeit in TV und Zeitschriften, bei Kongressen, reden mit Fachärzten und vieles mehr.

Und an den vielen Tagen, an denen ich kaum Kraft habe und aufgeben möchte, denke ich an die vielen Frauen, die uns schreiben „Du hast mir mein Leben gerettet“.

Ich möchte Mut machen, aufzustehen und dem eigenen Schicksal einen Sinn zu geben und nicht daran zu verzweifeln – auch wenn es schwer ist.

Vertrauen Sie auf sich!

Wer mehr dazu wissen möchte: www.krank-durch-brustimplantate.de 

M. Leismann 

Ich hatte zwischen 1995 u 2019 36 Operationen unterschiedlichster Art. (Schultern, Ellenbogen, Unterarme, Frauliche OP,s uvm) . Fusssehnen kaputt, Rollstuhl 3 Monate.
Unter anderem wurden beide Handgelenke operativ versteift und die Daumengelenksehne verpflanzt,

Mein Vorteil, das ich mit viel oder weniger Schmerzen, weiter Bewegungen der Arme, Hände soweit es möglich ist, ausgeführt habe.

Aber ich kann wenigstens ehrenamtlich mit Freude,als Betreuung was erledigen für Hilfsbedürftige, mache es gerne, wenn notwendig auch am Wochenende.

Man muss mit eigenen Einschränkungen im Leben nicht unglücklich zu Hause sitzen sondern sich damit arrangieren .

Jeder sollte froh sein, solange er/sie noch außer Haus kann.

 

Mein Name ist Mascha, ich bin 21 Jahre alt und ich möchte dir eine Geschichte aus meinem Leben erzählen:

 

Ich leide, seitdem ich 16 bin, an psychischen Krankheiten. Unter anderem an Depressionen, PTBS und Angststörungen. Als das alles bei mir so richtig losging, hatte ich nicht das Gefühl, jemals 21 Jahre alt zu werden, geschweige denn zu wollen, 21 Jahre alt zu werden.

Ich hatte einige Klinikaufenthalte hinter mir, und es wurde immer mal wieder besser, aber auch wieder schlechter.

Eine ziemliche Achterbahnfahrt.
Ich habe viele Freunde verloren, aber auch sehr gute Freunde dazugewonnen.

Alles hat mich aber noch nicht genug stabilisiert und ich hatte immer wieder Rückfälle, auch was selbstverletzendes Verhalten anging. Ich hatte eine lange Zeit das Gefühl, dass ich es vielleicht gar nicht verdient habe, glücklich zu sein. In einem meiner 7 Klinikaufenthalte habe ich dann die Reittherapie mit Pferden kennen gelernt. Ich hatte nie wirklich etwas mit Reiten zu tun, Pferde fand ich aber trotzdem immer sehr spannend.

Zu diesem einen Pferd habe ich dann eine immer engere Bindung aufbauen können. Ich durfte aufgrund meiner psychischen Fortschritte die Reittherapie nach dem Klinikaufenthalt weiterführen und das mache ich auch nach wie vor.

Für Menschen, die keinen großen Bezug zu Tieren haben, mag das jetzt vielleicht unverständlich klingen, aber diese Pferd und ich haben uns verstanden, verbal, körperlich, aber vor allem emotional.

Das Reiten und der Umgang mit dem Pferd gibt mir sehr viel Kraft und Liebe.

Auch bei mir gibt es immer noch Momente, in denen es mir nicht gut geht. Ich habe auch immer noch Rückfälle. Aber es werden weniger und die Abstände dazwischen größer.

Therapie, egal in welcher Form, ist ein langer Weg. Das ist auch der Grund, warum ich nach wie vor eine ambulante Verhaltenstherapie mache.

Aber es lohnt sich.

Es braucht eine gewisse Zeit, aber wenn man dran bleibt und die Hoffnung immer wieder findet, wird man Fortschritte bei sich selbst sehen.

Verbringt eure Zeit mit dem, was euch gut tut.

Ob es bestimmte Menschen sind, Tiere oder Musik. Alles, was euch auch nachhaltig gut tut, bringt euch voran. Redet über alles, was ihr auf dem Herzen habt. Auch mit Tieren. Ich finde, Tiere sind oftmals auch die besseren Menschen.

Vor einer Woche bin ich 21 Jahre alt geworden.
Und ja, ich bin glücklich damit.

Ich bin stolz auf mich. Und ich weiß, mein Weg geht weiter.

Bleibt dran, habt Hoffnung und glaubt an euch. Ich mache mit!

Von Mascha Elinor Müller 

Die Königin

Esther Kalveram

 

Am längsten Tag des Jahres wurde damals, noch vor den beiden großen Kriegen, an einem Ort, wo

sich die Füchse gute Nacht sagen, ein Kind geboren.

„Es ist ein Mädchen,“ sagte die Frau, die dem Kind auf die Welt geholfen hatte, zu der Frau, die das Kind auf die Welt gebracht hatte. Schon wieder ein Mädchen. Das dritte in der Familie. „Er wird es nicht anschauen, es zählt nicht.“ sagte die Mutter ohne Bedauern. Das war nichts als eine Feststellung. Ein Mädchen konnte man ertragen, ein zweites verzeihen, aber ein drittes? Er wartete darauf, dass sie ihm Söhne schenkte. Der Wert einer Frau lag in den Söhnen, die sie zur Welt brachte. Mädchen hingegen waren eine Bürde. Zusätzliche Esser am Tisch. Davon gab es schon genug. Die Hebamme reichte der anderen das Kind, das still und erschrocken zuzuhören schien. „Du musst sie stillen. Sie ist ein hübsches, gesundes Mädchen.“ „Davon habe ich schon zwei,“ sagte die Mutter. „Andere haben gar keine,“ erwiderte die Hebamme unwirsch, „wenn du sie nicht willst, schick sie, wenn sie alt genug ist, zu den Bauern ins andere Tal. Die Frau kann keine Kinder bekommen, die brauchen jede helfende Hand.“ Der Säugling begann sich zu regen, wimmerte leise. Energisch legte sie das Kind der Mutter in den Arm. „Sie hat Hunger, also tu jetzt ganz einfach deine Pflicht, alles andere wird der Herrgott richten. Versündige dich nicht. Für irgendwas wird es schon gut sein.“

Ich tue meine Pflicht, dachte die junge Mutter, später als das Kind satt und ruhig in der vorbereiteten Wiege lag. Diese Wiege für den Sohn, in der jetzt wieder ein Mädchen lag. Vielleicht würde das kleine Geschöpf ja nicht mal die Nacht überleben oder nicht das erste Jahr. Wer konnte das schon ahnen. Versündige dich nicht.

Dieses Mädchen, geboren am längsten Tag des Jahres, an einem Ort, dort wo sich Menschen Märchen ausdachten, an deren Ende immer alles gut wurde, dieses Mädchen war meine Großmutter. Von der Mutter nicht geliebt und vom Vater niemals eines Blickes gewürdigt. Sie überlebte die Nacht, sie überlebte das erste Jahr. Sie wurde nach einer Königin benannt. Wer wohl auf diese Idee gekommen ist? Vielleicht war es die Hebamme, denn Hebammen sind weise Frauen. Oder doch die Mutter, weil sie wusste, dass das Mädchen starke Beschützerinnen brauchen würde in dieser Welt. „Ihr setzt ihr Flausen in den Kopf,“ hätte der Vater gesagt, wenn er darüber nachgedacht hätte. Hat er aber nicht. Und so träumte ein kleines Mädchen von einer Königin, die gekommen war um sie zu beschützen, mit der sie Fangen spielen konnte, nachts in der Einsamkeit. Und dann kamen die Kriege, und es kam die Not. Die Kleine war keine sechs Jahre, als man sie ins Nachbartal schickte, zu der Frau, die selbst keine Kinder bekommen konnte, aber helfende Hände auf dem Hof benötigte. „Mach dich halt nützlich,“ sagte die Mutter zum Abschied und es klang wie „Hier bist du nicht von Nutzen“.

Nicht von Nutzen sein, nahm sich meine Großmutter vor, das wollte sie nie wieder. Die Jahre vergingen, Menschen kamen und gingen. Orte wurden zu einem Zuhause und wieder verlassen. Der Krieg nahm ihr den Mann, aber die Kinder, die durfte sie behalten. „Mach dich halt nützlich,“ sagte die große Schwester am Ende des großen Krieges. Gemeint war, dass niemand, also weder die Schwestern, noch die später geborenen Söhne, Zeit oder Lust hatten, sich um die Mutter zu kümmern. Die lebte allein und mittlerweile auf Hilfe angewiesen, in einem kleinen Haus im Osten von Kassel. Ein kleines Haus mit großem Garten. Erbaut von dem Mann, der seine dritte Tochter nie ansehen wollte. War es Schicksal, dass ihr Vater, verwundet im ersten Krieg, arbeits- und hoffnungslos in der Zeit dazwischen und zu alt für den zweiten, starb, bevor er den Frieden genießen konnte? Oder war es vielleicht der Wille der Königin, die Männer ja doch eher als lästig empfand? Trauerte jemand um diesen Mann? Egal, man benötigte jemand, der sich nützlich machte.

 

Und so packte meine Großmutter ihre sieben Sachen, das meiste war sowieso im Krieg verloren, nahm die zwei Kinder an die Hand und machte sich auf ihre Pflicht zu tun. Vater und Mutter soll man ja bekanntlich ehren. Oder zumindest die Mutter. Versündige dich nicht. Für irgendwas wird es schon gut sein.

„Da bist du ja wieder,“ sagte die Mutter, in der Tür des kleinen Hauses stehend. Ja, da war sie wieder. So als seien nicht ganze 30 Jahre vergangen und als sei die Frau, die dort in der Tür stand nicht eigentlich eine Fremde. Aber auch bei Fremden kann man bekanntlich eine Heimat finden, vielleicht nicht geliebt aber gebraucht, aufeinander angewiesen, einander nützlich. Wer weiß schon wofür es gut ist. Irgendwo muss man ja seinen Platz finden. Und es war nicht der schlechteste Platz, den sie fand, weit vor den Toren der Stadt, inmitten von Menschen, die wie sie wussten, was Leid und harte Arbeit bedeutete. Aber auch, dass man das Leben feiern musste, wann immer möglich.

Und so hätte die Geschichte hier ein Ende finden können, gewissermaßen wieder am Anfang angekommen. So und nicht anders ist eben das Leben. Aber wenn es noch nicht wirklich gut ist, ist es eben auch nicht das Ende.

Viele Jahre später, irgendwann um Ostern herum, wurde an einem Ort und in einer Zeit, in der auch Mädchen aus Arbeiterfamilien ein Studium aufnehmen konnten, also Märchen wahr wurden, ein Mädchen geboren. „Es ist ein Mädchen“, sagte die Hebamme zur erschöpften Mutter. Und diese lächelte. Eine heiß ersehnte, innig geliebte Tochter und Enkeltochter. Sie erhielt den Namen einer Königin. Wobei nicht recht klar war, wovor dieses Kind eigentlich beschützt werden musste. Mutter und Vater hatten Arbeit und eine Großmutter, die sich kümmerte. So war das eben in dieser Zeit.

„Du kannst alles werden, was du willst,“ flüsterte der Vater, der keinen Blick von seiner Tochter wenden konnte, ihr ins Ohr. Und so wuchs das Kind umgeben mit Liebe auf in einem Haus irgendwo im Kasseler Osten, einem Ort, der längst Heimat geworden war. In einem großen Garten, in dem es manchmal mit einer Königin Fangen spielte. „Das Kind hat eine blühende Phantasie,“ sagte der Vater. „Wer weiß wofür es gut ist“ murmelte die Großmutter träge, denn Glück macht oft träge. Das Kind aber musste nie von Nutzen sein, selten nur sich nützlich machen. Niemand schickte es je weg. Sie war immer zuhause. Und das obwohl sie nur ein Mädchen war. Dieses Kind war ich.

Die Jahre vergingen, Menschen kamen und gingen, Orte wurden zu einem Zuhause und wieder verlassen. Niemand nahm mir den Mann, er ging von ganz allein, die Kinder durfte ich behalten. „Wer weiß wozu das gut ist,“ sagte die Großmutter. Wozu soll das alles schon gut sein, schluchzte die Enkelin. Aber irgendwo im Schatten des Gartens, dort hinter den Kletterrosen lächelte die weise Königin in ihrem Versteck. Zeit heilt alle Wunden. Jedenfalls solange es einen Ort gibt, an dem man gebraucht und geliebt wird. An den man sich flüchten kann. Denn alles wird gut, das hat die Königin versprochen. Und Königinnen halten ihr Versprechen stets. Sollte man doch meinen.

Meine Großmutter verließ die Welt an einem kalten Februartag. Innigst geliebt, schmerzlichst vermisst. „Wozu war das denn jetzt alles gut,“ fragte ich unter Tränen. Aber keine Königin gab eine Antwort. Die musste ich schon selber finden. Und die Welt war ein unfreundlicher Ort. So und nicht anders ist das Leben. Wer weiß denn schon wofür das alles gut sein soll? Bedecke die Spiegel, zerreißt eure Kleider, die Welt soll Trauer tragen. Sie ist fort. Nichts wird je wieder so wie es mit ihr war.

Aber manchmal in diesen langen warmen Nächten, wenn die Kletterrose blüht, die meine Urgroßmutter gepflanzt hat oder der Regen auf den Blättern des Walnussbaumes meiner Großmutter, seine ganz eigene Melodie spielt, weiß ich wohin das alles führt. Zu genau diesem einem Moment. Hier und jetzt. Zu dieser einen Frau. Die dort sitzt und lauscht. An diesem Ort der Heimat ist. Dafür war all das gut. Und wieder wird irgendwo ein Mädchen geboren und nach einer Königin benannt- Heute, morgen und an jedem anderen Tag. Bis wir verstehen, dass wir selber Königinnen sind. 

Für die Freiheit

Ilijana Jovic

 

Es war einmal in einem kleinen Herzogtum mitten in Kroatien. Tief in den Bergen fernab der Küste befand

sich ein kleines Dorf mit Namen Stojavnica. Direkt am Dorfanfang stand für diese Zeit ein doch sehr

herrschaftliches Haus, dass von einem ebenso stattlichem Balkon umschlossen wurde. Von diesem Balkon

aus, eröffnete sich einem ein wunderbarer Blick auf die hiesigen Weinberge und wenn man die Hand

ausstreckte, hatte man das Gefühl, direkt nach den Bergen Sloweniens greifen zu können.

Hinter diesem besagten Haus befanden sich die Stallungen mit Schweinen, Ziegen und Kühen. Hühner

pickten emsig die Halme vom Gras. Vereinzelt schlichen Katzen auf der Suche nach etwas Essbarem herum.

Ab und zu gesellte sich zum fröhlich erklingenden Vogelgezwitscher vereinzelt auch das Muhen der Kühe

und das Bellen der Hunde dazu.

Es gab nur eine Strasse, die durch das Dorf führte und, wie es in Kroatien üblich war, zierte das Zentrum des

Dorfes natürlich eine kleine Kapelle, sowie unweit davon ein kleiner Friedhof. Einen Supermarkt, wie sie es

heutzutage in jedem noch so kleinen Ort gibt, gab es nicht, auch keinen Bäcker oder Metzger. Der nächste

Ort lag fussläufig 30 Minuten entfernt. Überhaupt gab es hier noch keine Autos, sondern nur Karren, die von

Ochsen oder Pferden gezogen wurden. Die Dorfbewohner selbst waren eher einfach gestrickte Menschen,

die überwiegend von der Weinlese lebten.

Auf den ersten Blick erschien alles sehr idyllisch. Doch wer einen zweiten Blick riskierte, wird feststellen

müssen, dass nicht alles so ist, wie es manchmal erscheint. Und hier fängt meine eigentliche Geschichte an:

Das besagte Haus gehörte zum Besitz eines sehr reichen Mannes. Zudem könne man mit recht behaupten,

dass ihm fast das ganze Dorf gehörte, ebenso wie die umliegenden Weinberge und der angrenzende Wald.

Sein Reichtum war so immens, dass er Goldbarren sogar in der Scheune hortete.

Seine Geschäfte führte er stets mit eiserner Hand und war unerbittlich in seinem Tun. Und auch als ihm seine

Frau zwölf Söhne gebar, erfüllte ihn dies nicht mit Freude oder Stolz. Es erweichte auch nicht im

Entferntesten sein zu Stein erstarrtes Herz. Und in einem Anfall von Wahnsinn und Tobsucht erschlug er sie

unbehelligt nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes.

So kam es, dass die Dorfbewohner ihn wie den Teufel höchstpersönlich fürchteten und sich nur unter

vorgehaltener Hand trauten, ihn als das zu bezeichnen, dass er auch war: Ein grausamer Tyrann. Fürwahr

verrichteten sie weiter schweigsam die schwere Arbeit, während sein Reichtum weiter wuchs und wuchs.

Ivan war der Älteste dieser zwölf Söhne. Er musste besonders oft unter der Tyrannei seines Vaters leiden,

denn er war so ganz anders als dieser sich das erhofft hatte. Natürlich wusste Ivan schon früh, dass ihm, als

Erstgeborener, wie es nunmal zu der Zeit hier Sitte war, das gesamte Erbe zustand. Doch er war an Reichtum

nicht interessiert.

Er war ein Idealist, vielleicht auch ein Träumer. Und mochte er zwar körperlich nicht besonders

hochgewachsen sein, so offenbarte sich von Jahr zu Jahr mehr, dass da etwas Besonderes in ihm

schlummerte, dass an wahrer Größe kaum zu übertreffen war. Und so wuchs Ivan, trotz des Missfallens und

Argwohns seines Vaters, zu einem ebenso mutigen wie auch herzensguten jungen Mann mit klarem Verstand

heran.

Nahe der Kapelle im Dorf lag ein winziges, sehr ärmlich wirkendes Haus, unscheinbar und fast schon ein

wenig versteckt. Es war nicht besonders hübsch und eher eine Hütte als ein Haus. Es gab auch nur einen sehr

spärlich eingerichteten Raum. Hier lebte die ärmste Frau des Dorfes mit ihren zwei Kindern, einen Sohn und

eine Tochter. Da der Mann sie früh verliess, um sein Glück in der Ferne zu suchen, und der Junge zudem

unehelich geboren wurde, war sie gezwungen, unter schwersten Bedingungen harte Arbeit zu leisten und war

zudem tagtäglich den Gemeinheiten und dem Geschwätz der Anwohner ausgesetzt.

Doch obwohl ihr das Leben und Glück nun wirklich nicht hold war, verdross sie nicht. Sie vertraute weiter

auf Gott und dankte ihm für jeden Moment. Ihre Liebe und ihren Grossmut liess ihr ohnehin goldenes Herz

nur noch gütiger erstrahlen.

Während ihr Sohn sich lieber um sich selbst kümmerte und die arme Mutter mit Undank strafte, unterstützte

ihre Tochter Ana sie bei ihrer Arbeit so gut es ging. Täglich liefen Sie viele Kilometer zu Fuss nach

Slowenien und wieder zurück, um in einem dort ansässigen Restaurant die Essensreste von den

dickbäuchigen Reichen wegzuräumen.

Diese Gesellschaft störte sich nicht daran, ihre Ignoranz und Abscheu gegenüber den Ärmsten der Ärmsten

kundzutun. Doch trotz der Erniedrigungen und obwohl sie fast nichts verdienten, schlugen sie sich tapfer

durch. Für Mutter und Tochter wurde der Hunger zu ihrem ständigen Begleiter.

Mit den Jahren wuchs Ana zu einer echten Schönheit heran. Sie war von schlanker Statur, ihre Augen hatten

die Farbe des Himmels und ihre anmutig erscheinenden Gesichtszüge wurden von langen, hellblonden

Haaren umrahmt. Wenn Ana darüber hinaus in der Kirche zu singen anfing, verstummten selbst die größten

Lästermäuler und lauschten andächtig ihrer engelsgleichen Stimme.

Eines Tages streifte Ivan mal wieder durch den Wald seines Vaters. Er liebte den Wald und seine Tiere.

Plötzlich nahm er aus der Ferne ein junges Mädchen wahr, das scheinbar Brennholz sammelte. Er hatte sie

bis dahin noch nie im Dorf wahrgenommen.

Nachdem er sie eine Weile beobachtete, entschied er sich, ihr einen Streich zu spielen, um sie ein wenig zu

erschrecken. Schnellen Schrittes lief er auf sie zu und sagte mit gespielt strenger Stimme: "Das ist der Wald

meines Vaters. Was hast du hier zu suchen? Das ist unser Holz!" Wider Erwarten schaute das Mädchen

unbeeindruckt direkt in seine braunen Augen und erwiderte leicht ärgerlich: "Nun, du solltest dich besser bei

mir bedanken. Ich räume schliesslich euren Wald auf!"

Das junge Mädchen war Ana. Sie ärgerte sich über diesen, wie sie fand, ungehobelten Jüngling. Ein paar

Stöcke oder Pilze weniger, dachte sie bei sich, das kann ihm doch einerlei sein.

Es wartete doch bestimmt ein warmes Bett und ein stets üppig gedeckter Tisch auf ihn. Für sie jedoch

bedeutete es, dass sie zumindest über einen kurzen Zeitraum nicht mehr frieren und hungern müssten. Nur

deswegen hatte sie sich dazu entschlossen, sich heimlich in den Wald zu schleichen.

Mit der Antwort hatte Ivan nicht gerechnet. Verdutzt schaute er in ihre grossen blauen Augen, die ihn trotzig

anstarrten, und wusste zunächst nichts zu erwidern. In diesem Moment sprang Ana schon auf, hob ihren

gefüllten Korb und lief eilig in Richtung Dorf.

Sie ist nicht nur schön, sondern auch nicht auf den Mund gefallen, ging es Ivan durch den Kopf. Sie gefiel

ihm. Sehr sogar. Er spürte, wie sein Herz wie wild zu klopfen begann und sein Bauch Purzelbäume schlug.

Lange stand er nachdenklich noch da mit Blick in die Richtung, an dem er sie zuletzt gesehen hatte.

Seine Gedanken überschlugen sich. Fühlt sich so Liebe an, fragte er sich. Und seine innere Stimme verriet

ihm leise: Ja, sie ist die Eine. Sie ist das Mädchen, dass du heiraten wirst.

In diesem Moment konnte er noch nicht ahnen, dass weitere sechs Jahre vergehen würden bis er sie

wiedersah und dass der Himmel sich bereits bedrohlich verdunkelte. Ein unheilbringendes Gewitter zog

unbeirrt auf den Balkan zu, dass Tod, unendliches Leid und tiefe Verzweiflung über das ganze Land brachte:

Der zweite Weltkrieg.

Als der Krieg begann und die Nazis nach Kroatien kamen, waren die Menschen gezwungen sich zu

entscheiden: kämpfen, bleiben oder fliehen.

Manche schlossen sich der faschistischen Bewegung an, dem nationalistischen- terroristischen Geheimbund

Ustascha. Vereinzelte Kroaten hingegen formierten sich Seite an Seite mit den Serben zum bewaffneten

Widerstand, den Partisanen oder auch Freiheitskämpfer genannt, um dem Faschismus endlich Einhalt zu

gebieten und dem ein Ende zu setzen. Andere wiederum blieben schweigsam mit der Hoffnung, dass sie

somit verschont blieben, oder flohen und hinterliessen dabei ihr komplettes Hab und Gut, um den sicheren

Tod zu entgehen.

Jugoslawien lag in Trümmern und das Blut tausender unschuldiger Menschen tränkte die Wege, die Strassen,

die Wiesen, die Berge, selbst das Meer.

Und ebenso waren die zwölf Brüder nun gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden. Zehn Brüder

entschieden sich, der Forderung des Vaters nachzugehen, und traten in die Ustascha ein. Nur Marco, der

Jüngste, und Ivan, der Älteste, weigerten sich vehement.

Marco entschied sich ein Mann des Glaubens zu werden, während Ivan sich, zum grossen Unmut seines

Vaters, den Partisanen verbunden fühlte und sich ihnen aus ganzer Überzeugung anschloss.

Doch wie das Schicksal es so wollte, verloren zehn Söhne im Krieg ihr Leben. Nur zwei hatten den

Schrecken überlebt: Der Pfarrer und der Partisane.

Als Ivan wohlbehalten in sein Dorf zurückkehrte, wurde er jedoch nicht freudig begrüßt. Er erfuhr zudem,

dass in seiner Abwesenheit die Faschisten ins Dorf gekommen waren und seinem Vater alles Gold

abgenommen hatten. Geblieben waren ihm jedoch weiterhin die Häuser, Weinberge und der Wald. Doch es

hatte seinen Vater keine Demut gelehrt. Zu seiner unermesslichen Gier, Hartherzigkeit und Grausamkeit

gesellten sich nun auch Verbitterung und tiefer Hass dazu.

Das Band der zwei übrig gebliebenen Brüder hingegen wurde von Mal zu Mal stärker.

Und so ergab es sich, dass Ivan, der rebellische Sohn des einst reichsten Mannes im Dorf, nicht mehr warten

wollte und die Gunst der Stunde nutzte, um endlich seiner Ana, das schönste aber auch ärmste Mädchen im

Ort, einen Heiratsantrag zu machen, wie es sich nunmal für ein ordentliches Märchen gehört.

Während die Mutter von Ana, die gute Seele, alles tat um die beiden glücklich zu sehen, tobte und schäumte

Ivans Vater vor Wut. In seiner Eitelkeit und Bosheit empfand er das als Schmach und persönlichen Affront,

dass sein ältester Sohn, der auch noch in seinen Augen Verrat begangen hatte, indem er gegen seinen Willen

Teil der Partisanenbewegung wurde, ausgerechnet das ärmste Mädchen zur Frau nehmen wollte.

Hasserfüllt versprach er seinem Sohn, ihn zu enterben und aus dem Haus zu jagen, sollte er Ana wirklich

heiraten. Ivan hingegen liess nicht ab. Er stand zu seiner Entscheidung und so gaben sich beide heimlich das

Ehe-Versprechen. Aber auch der Vater hielt Wort und so nahm Anas Mutter die beiden Jungvermählten bei

sich auf.

Sie bekamen vier Kinder, drei Mädchen und einen Jungen. Nun lebten sie schon zu siebt in der mehr als nur

bescheidenen Hütte. Das Leben war für sie sehr beschwerlich, doch sie beklagten sich nicht.

Und weil Ana nicht wollte, dass ihr Kinder Hunger litten, entschied sie sich für den besagten Tyrannen als

Magd zu arbeiten. Sie ertrug schweigsam seine Hasstiraden und Gemeinheiten. Erduldete tapfer seine

Anzüglichkeiten und Grausamkeiten, immer ihre Kinder vor Augen und den Wunsch, sich und ihrer Familie

einmal ein besseres Leben zu ermöglichen.

 

Mit den Jahren geriet das einst so stolze Herzogtum langsam in Vergessenheit. Übrig blieben nur die

zerstörten oder verwaisten Häuser und eine hoffnungslose Bevölkerung, die immer mehr verarmte. Dazu

zerstörte eine eingeschleppte Reblaus zusätzlich die kompletten Ernten und damit das Grundeinkommen der

Region. Die ohnehin schon von Leid geplagte Bevölkerung litt nun noch mehr unter Hunger und Armut,

auch das Weingut von Ivans Vater wurde dabei nicht verschont.

So kapselte sich die Region immer mehr ab und selbst nach Jahren schien die Zeit an diesem Ort einfach

stehen geblieben zu sein. Es wurde ruhig um Stojavnica und die Menschen ergaben sich ihrem Schicksal, so

könnte man meinen.

Und dann passiertes etwas Rätselhaftes. War es höhere Gerechtigkeit? War es der Wahnsinn? Oder hatte ihn

doch der Teufel geholt?

Wie dem auch sei, eines Tages fanden zwei Dorfbewohner auf der Jagd, tief im Wald einen leblosen Körper.

Der Mann trug keine Kleidung und war augenscheinlich erfroren. Sein Gesicht zeigte das pure Entsetzen als

ob ihm der Leibhaftige erschienen sei. Die Männer erkannten den Mann wieder. Es war Marcos und Ivans

Vater. Sie trugen den leblosen Körper zum Dorf und bestatteten ihn.

Da Ivan aufgrund seiner Liebe zu Ana von seinem Vater verstossen wurde, ging das gesamte Erbe nun an den

jüngsten Bruder Marco. Dieser jedoch sah es als Mann Gottes als seine Pflicht, seinem Bruder zu helfen und

übergab ihm das Haupthaus sowie ein grosser Teil der Ländereien.

Ana und Ivan lebten fortan mit ihren Kindern, Stefica, Dragica, Maria und Mirko, in dem Haus des einst so

boshaften Mannes und füllten dieses mit Liebe und neuer Zuversicht.

Zu guter letzt, sei euch gesagt, gebt niemals vorher auf, denn Hoffnung bis zur letzten Minute zahlt sich

immer aus. Die schönsten Dinge geschehen dem, der an sie glaubt. Die noch schöneren Dingen geschehen

dem, der geduldig ist.

 

Aber letztendlich die besten Dinge geschehen dem, der niemals aufgibt. 

Das kleine Wunder 

Ruth Helga Mehl

 

Endlich, endlich habe ich eine Sonnenschutzblende für meine Augen gefunden. Auf der

Gartenausstellung in Wilhelmstal.

Nun muss aber auch die Sonne scheinen. Am Freitagnachmittag ist schönes Wetter und ich könnte den Sonnenschutz das erste Mal benutzen. Ich will meine Familie in Simmershausen besuchen. Da fahre ich mit meinem E-Mobil durch Feld, Wald und Wiese, am Wassererlebnishaus, und an der Silberschmiede vorbei, bis zum Weiher. Dort biege ich in den Fußgänger / Fahrradweg ein und bin bald am Ziel.

 

Ich atme die erfrischende Luft ein und genieße die absolute Stille der Landschaft. Vorsichtigerweise habe ich mir eine Strickjacke und eine Regenjacke in das kleine Körbchen im Frontbereich eingepackt. Den Sonnenschutz brauche ich erst für die Rückfahrt, da steht die Sonne so tief, dass ich ohne Blende manchmal kaum was sehen kann. Ein Beutel mit Handy, Geldtasche und diverse Schnutenpullis habe ich immer dabei.

 

Ich brauche genau eine halbe Stunde bis in die Bergstraße. Als ich mein Ziel erreicht habe, stelle ich mit Schrecken fest, der teure Sonnenschutz ist nicht mehr da. Ich muss ihn auf der Strecke verloren haben. Die Feldwege sind nicht überall leicht zu befahren, es gibt viele Unebenheiten durch Steine und Schotter und auch Vertiefungen und mein E-Mobil hat keine besondere Federung.

 

Ich könnte heulen, noch nicht einmal benutzt und schon verloren. Als ich später meinen Rückweg antrete, fahre ich die gleiche Strecke zurück. Meine Augen gehen rechts, links hin und her, weil ich hoffe, ich werde das gute Stück irgendwo entdecken.

Leider habe ich kein Glück.

 

Das Wetter am Wochenende war nicht berauschend trotzdem fahre ich die Strecke am Samstag noch einmal ab. Leider wieder ohne Erfolg. Sonntag hat es den ganzen Tag geregnet. Man konnte fast nicht vor die Tür. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben und mache mir am Montag die Mühe, ein paar Plakate zu entwerfen, mit Text und Telefon-Nummer, die ich auf der Strecke an drei Stellen befestige.

 

Ich bin traurig, denn ich habe etwas verloren.

 

Danach und noch immer traurig, fahre ich ins Dorf um noch ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Zu Hause angekommen, ruft mein Mann mir entgegen:

 

„Du hattest einen Anruf. Eine Frau aus Simmershausen hat das Plakat gelesen, Sie hat den Sonnenschutz gefunden und wird ihn noch heute vorbei bringen“.

 

Ein Jubelschrei: das ist ein Wunder!

Ein Dankeschön nach Simmershausen! 

 

 

Salmas Geschichte – Ein modernes Mädchen aus dem Kasseler Osten Zwischen Orient und Okzident, Grimm Märchen und 1001 Nacht

Von Salma Aldarwesh und Sonja Rossettini

Wir sitzen im Kasseler Osten, nicht weit entfernt vom neuen Hallenbad Ost. Es ist ein warmer Nachmittag, unter den breitkronigen Baumen duftet es herrlich und der Geruch von Linden ist mild und leicht süßlich. Wir trinken Tee und unterhalten uns. Der aromatischer Tee glänzt in den zierlichen kleinen Gläser. Manchmal kann Salma selber kaum glauben, was sie mit 33 Jahren bereits alles erlebt hat.

Es war einmal in einem weit entfernten Land, in einer wunderschönen florierenden Stadt, mit unzähli- gen Palästen und bunte Märkten, wo ein fröhliches Treiben herrschte und wo die Berge mit tausenden Olivenhainen Silber glänzten, da lebte eine wunderschöne Prinzessin (da alle Frauen ja Prinzessin sind ;-)). Diese Stadt glänzte in der Vergangenheit mit Prunk und Reichtum und war zugleich Zentrum der Kultur und Wissenschaft.

Salma war eine stolze und anmutige junge Frau, von natürlicher Eleganz und Schönheit, hatte dichtes langes Haar, strahlende dunkle Augen, war intelligent, geschickt und klug.
Sie hatte sieben Geschwister und sie war mit ihren zwei jüngeren Schwestern gut befreundet.
Als Kind wollte sie Ärztin werden, aber das durften Frauen in Salmas Dorf nicht. Obwohl Salma als Mädchen in der Schule immer sehr gute Noten hatte, war schon klar, dass aus ihr eine Hausfrau und Mutter werden sollte.

Salma war 15 Jahre alt, als sie verheiratet wurde. Ihr Mann war ein Verwandter ihrer Mutter. Aber Sal- ma hatte Glück und ihr Mann erwies sich als ein liebender und gutmütiger Prinz an ihrer Seite und als ein freundlicher und zuvorkommender Ehemann. Sie zogen zusammen in die nahe Großstadt und gemeinsam bekamen sie vier Kinder.

Salma wirkte stets gelassen, gab ihre Werte und Tugenden voller Überzeugung an ihre Töchter und Söhne weiter und kümmerte sich um die Pflege der Kultur, Sitten und Gebräuche ihres Landes. Ihre Aufgaben beschränkten sich darauf, den Haushalt zu erledigen und den Nachwuchs großzuziehen, aber sie half auch ihrem Mann bei seiner Arbeit und die beiden waren glücklich miteinander.

Dieses Glück sollte jedoch leider nicht von Dauer sein, weil eines Tages entschied sich der tyrannischen König des Landes in einem grausamen Krieg zu ziehen und Zerstörung, Tod und Trauer trafen vor allem die Bevölkerung und Bomben fielen vom Himmel.
Salmas Heimat wurde zur tödlichen Falle. Viele andere Mächte mischten sich in den Konflikt ein, gro- ße Teile der schönen Stadt wurden zu Ruinen zerbombt.

Eines Tages musste Salmas Mann die Stadt verlassen. Salma beruhigte ihn, als er unsicher war und ermutigte ihn, sich seiner Bestimmung zu stellen. Salma zog bei ihren Eltern wieder ein und lebte nun dort allein, ohne Ihren Prinzen.
Sie war auch gar nicht gewohnt allein zu sein. Es war erstmal befremdlich, allein zu sein, wenn man jahrelang keinen Schritt ohne männliche Begleitung tun durfte. Salma vermisste ihn sehr und nahm viel ab und wurde fast krank von Trauer. Sie bang um sein Wohlergehen, weil er keine Nachricht schi- cken konnte, musste sich allein um die Familie und die Kinder kümmern, wie Millionen andere Frau- en in diesen Kriegsjahren in dem fernen Land. Dieser lange Krieg, der immer noch andauert, zerriss Familien, machte Frauen zu Alleinerziehenden und ließ sie oftmals verzweifeln.

Salma musste tagtäglich mit immensen Herausforderungen kämpfen.
Sie musste in diesen Kriegszeiten neue Rollen übernehmen, die sie sonst nicht innehatte, aber sie war schon immer eine Frau mit starkem Herzen gewesen. Für sie kam zur neuen Situationen, die gesamte Hausarbeit samt Kindererziehung hinzu und jeder Tag und jeder Gang aus dem Haus bedeutete Gefahr. 

 

Salmas Geschichte ist ein modernes Märchen.

 

Ich möchte meiner Freundin Salma eine Stimme geben, stellvertretend für die vielen Frauen, die eine ähnliche Geschichte erlebt haben und die die Erfahrung des Exils verbindet.
Auch in den Märchen der Brüder Grimm finden sich Frauen in unterschiedlichen sozialen Situationen: Frauen als Figuren in den Grimm Märchen haben entweder eine aktive oder
eine passive Rolle, je nach dem typischen Rollenverhalten der damaligen Zeit, aber sie sind manchmal auch emanzipatorisch, nicht angepasst, spielen aber immer eine bedeutsame Rolle. Das Märchen spiegelt in seiner patriarchalischen bürgerlichen Darstellung die Geschlechter- beziehungen wider, wie sie in der Wirklichkeit tatsächlich waren. Die passive, leidende und hilflose Frau wurde oft übertrieben idealisiert. In anderen Märchen sind die weibliche Figuren entweder böse Hexen, eifersüchtig, intrigant oder sie sind hauptsächlich passiv und warten auf ihren Prinzen. Aber es gibt auch Geschichten in denen Frauen die Heldinnen sind, mutig, stark und vor allem selbstständig. Salmas Geschichte möchte so eine Frau präsentieren.

Im Märchen gehört der Krieg zu den thematischen Selbstverständlichkeiten, obwohl er fast immer am Rande betrachtet wird. Es geht um Witwen, Waisenkinder, Soldaten, Knechtschaft aber die Grausamkeit des Krieges wird nicht richtig darstellt.

 

Kann man ein Märchen über den Syrien Krieg und die Flüchtlinge schreiben? Auch wenn

es etwas gewagt erscheint, vielleicht, weil es in diesem Fall ein Happy End gibt. Ich musste an den Film „La vita è bella“ (Das Leben ist schön) des italienischen Regisseurs Roberto Benigni denken, der im Zweiten Weltkriegs spielt.

 

Märchen erzählen oft von realen Begebenheiten. Der Held des Märchens muss Prüfungen bestehen und wird vor Herausforderungen oder Probleme gestellt. So wie in Salmas Geschichte.

Selbstbewusstsein als Überlebensstrategie: die Rolle der syrischen Frauen hat sich in Kriegszeiten stark gewandelt, weil Frauen in Kriegszeiten Rollen übernehmen, die sie sonst nicht hatten. Das war auch in Europa während des Zweiten Weltkriegs so, als Frauen anfingen zu arbeiten. Oder denken wir nur an die Trümmerfrauen. Der Krieg war ein Beschleuniger für die feministische Bewegung. Auch in Syrien müssen Frauen nun, ohne die Männer, oft für das Haupteinkommen sorgen und wichtige Entscheidungen treffen.

Unsere Prinzessin tritt als wahre Heldin auf, macht sich auf die Flucht vor dem Krieg, muss die Heimat verlassen für einen neuen Start, setzt sich gegen Demütigung und Gewalt ein, riskiert das eigene Leben, führt ihre Selbstbefreiung aus und verändert bewusst ihr Leben.

 

Das ist nicht die Geschichte eines Opfers, sondern die einer starken Frau.

 

Salmas Geschichte ist eigentlich, auch unter den Umständen, nicht düster und traurig, sondern stets hoffnungsvoll, warmherzig und optimistisch. Eine Geschichte der Überlebensfreude.
Und weil Prinzessinnen ja bekanntlich die beliebtesten Identifikationsfiguren für Mädchen sind, sind Salmas Leben und Wirken beispielhaft dafür, dass alles möglich ist, wenn man im selben Maße Träumerin und Realistin zugleich ist. Eine Visionärin, die unbeirrbar und konsequent, entgegen allen Widrigkeiten, ihre Träume verwirklichen möchte.

In Salmas Geschichte kommt eine mutige Frau zu Wort, die neue Herausforderungen jeden Tag aufs Neue meistert und starken Kampfgeist zeigt und weil Märchen dabei helfen können, Ängste zu überwinden und Mut machen, hoffe ich, dass Salmas Geschichte auch andere Frauen inspi- rieren kann.

Der Kasseler Osten steht als Vorreiter für Inklusion und Bildungsfragen und ist ein attraktiver Wohnort für Familien und junge Menschen. Salmas Schicksal steht stellvertretend für das Leben Tausender von Frauen und ermutigt andere, die Hoffnung nie zu verlieren.

 

 

Eines Tages ermutigte sie ihr Mann zu fliehen und in der Hoffnung auf eine friedliches Leben, ihm ins Ausland zu folgen.
So half Salmas Bruder der Familie und ihr Mann unterstützte sie aus dem Ausland und organsierte einen Termin in einer fremden Botschaft in einem fremden nahen Land.

Der Termin sollte schon bald in den kommenden Wochen stattfinden.
Salma musste erst einmal neue Dokumente besorgen, denn die, die ihr Mann bei sich gehabt hatte, waren bei seinem Flucht im Meer verloren gegangen.
In den nächsten Tagen versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. Ihr war bekannt, wie gefährlich es in Ihrer Heimat war und jeder Fluchtversuch konnte hart bestraft werden. Mit ihrer Flucht begab sie sich in Lebensgefahr, dennoch ließ sie sich davon nicht abhalten. Die Flucht musste gut geplant werden und konnte nicht ohne Hilfe gelingen.
Aber sie war nicht die Einzige, die aus dem Krieg fliehen wollte, es gab inzwischen eine regelrechte In- frastruktur zum Transport von Asylsuchenden, aber einfach war es trotzdem nicht, ganz im Gegenteil sogar. Wie die meisten Flüchtenden entschieden sie sich also einen Helfer zu bezahlen, um illegal über die Grenze zu kommen. Für viel Geld wollte er die Familie über die Grenze bringen.
Außerdem war es für Salma überlebensnotwendig ihre Dokumente nicht zu verlieren und die Unter- lagen gut vor der Polizei zu verstecken, so dass sie diese in einer Tüte unter den Kleidern an ihrem Körper trug.

Die Familie freute sich auf die Reise, die Kinder hatten ihre Festkleider angezogen. Ein Teil der Strecke konnten sie im Auto zurücklegen. Die Grenze konnten sie dennoch nur zu Fuß an einer be- stimmten Stelle überqueren. Sie verließen dann die üblichen Straße und machten sich zu Fuß auf dem Weg über die Berge.

Über Berg und Tal, an fremden Orten vorbei, durchstreiften sie die kargen Wälder, voller Zuversicht und bereit, alles zu tun, um aus ihrer Heimat zu fliehen.
11 Mal versuchten sie die Grenze zu überqueren, aber 11 Mal wurden sie erwischt und zurück geschickt. Nun zweifelten die Kinder, ob und wann sie ihren Vater je wieder sehen würden. Sie mussten sich im Auto gut verstecken, aber eines Tages drohte die Grenzpolizei Salma ihre Kinder weg zu nehmen und sperrten sie ein. Als Salma ihre Kinder wieder sehen konnte, wurden sie wieder zurückgeschickt.

Salma war zu allem bereit, für ihre Kinder würde sie alles tun. Alle Hindernisse würde sie für sie überwinden, fest entschlossen in ein friedlichen Land zu ziehen.
Ihre Füße waren übersät von blutenden Blasen, sie war verletzt aber sie ging immer weiter und weiter, denn sie flüchtete in ihre Zukunft. „Wenn man mit Angst läuft, vergisst man die Schmerzen“, dachte sie. Und dann überlegte sie „Wir sterben sowieso. Auch wenn ich sterben muss, darf ich den wichtigen Termin in der Botschaft nicht verpassen!“

Angst begleite sie oft, aber sie dachte immer an ihre Kinder und an ihren Prinzen, der Funke Hoffnung in ihrem Leben.
Sie wünschte sich, eine Zukunft in Frieden, das war ihre größte Hoffnung. Und sie wollte ihren gelieb- ten Mann wieder sehen und alle eigenen Probleme wurden dann belanglos.

Bis sie es eines Tages schaffte mit ihrer Familie, in dem Land anzukommen, wo endlich Friede herrschte.
Als Salma, nach der strapaziösen Flucht, in dem ersten fremden Land ankam, konnte sie kaum an ihrer Glück glauben. Mit dem Grenzübertritt hatte sie den schwierigsten Teil der Reise hinter sich und steckte nicht mehr in Lebensgefahr, aber anstrengend und erniedrigend blieb die Reise dennoch.

Sie bekamen erst nach vielen Tagen die Erlaubnis weiter zu reisen. Sie konnte nun endlich auch mit ihrem Mann telefonieren. Zusammen mit den Kinder flog sie dann in ihr Zielland. 

 

Als Salma mit ihrer Kinder das gelobte Land schließlich trotz all dieser Strapazen erreicht hatte, konnte sie endlich ihr Mann wieder in die Arme schließen. Die Familie landete dennoch zunächst in einer kleinen Unterkunft Hotel in einem kleinen Dorf, das in eine Sammelunterkunft umfunktioniert worden war. Über Monate mussten sie in einem kleinen Zimmer ausharren. Die Zeit im kleinen Zim- mer war für Salma eine schlimme Erfahrung. Von Privatsphäre konnte man dort nur träumen: das Zimmer war so klein und sie mussten es sich mit der ganzen Familie teilen. Besonders belastete Salma, dass sie weder arbeiten noch die Sprache lernen konnte oder keinen richtigen Deutschkurs besuchen konnte, solange ihr Aufenthalt nicht genehmigt war. All diese Einschränkungen hinderten Salma je- doch nicht, ihr neues Leben auch zu genießen und sie fing bereits selbstständig an, Deutsch zu lernen.

Irgendwann klappte es nach einer Weile auch mit dem richtigen Deutschkurs und sie und ihre Familie durften auch in eine eigene Wohnung ziehen und ein selbstbestimmtes Leben führen.
Ihre Vermieterin und ihre Freunde erkannten die Liebenswürdigkeit der Familie und unterstützen sie, standen ihr zur Seite und halfen ihr viele Jahre weiter in ihrem neuen Leben.

Salma machte beim Deutschlernen bereits große Fortschritte und die Bücher wurden ihre Rettung und Zuflucht. Salma besuchte nun an jeden Vormittag einen Kurs für Frauen. Sie genoss es, andere Frauen kennenzulernen und sich von ihnen inspirieren zu lassen und lernte, dass auch Frauen Rechte haben. Einige der Lehrerinnen motivierten sogar ihre Schülerinnen, das Beste aus ihrer neuen Frei- heit zu machen.

Salma lernte eifrig, sodass sie schon bald viel verstehen konnte. Sie forderte immer nach neueren Maßnahmen, lernte eine Bewerbung zu schreiben, absolvierte einen Computerkurs aber sie half auch ihrem Mann, doch alles war auch sehr anstrengend.
Zunächst war es sehr hart, sie arbeitete viel und lernte viel doch letztendlich schaffte sie es, die neue Sprache zu erlernen.

Salmas Leben veränderte sich. Und so gewöhnte sich Salma langsam an ein Leben, das für viele Frauen in dem neuen Land selbstverständlich war: sie konnte nun treffen, wen sie wollte, lernen, was sie interessierte und tun was sie mochte und auch ihr Mann unterstützte sie dabei, in ihrem neuen selbstbestimmtes Leben.

22 Frauen waren in Salmas Klasse, aber einige gaben leider auf. Nur 11 schafften es – Salma mit den besten Noten. Ihr Lieblingsfach war Mathematik, aber auch die Grammatik faszinierte sie. Die Spra- che zu beherrschen war der einzigen Weg richtig anzukommen und eine Chance in ihrem neuen Leben zu bekommen. Denn Sie wollte unabhängig sein und eine eigene Arbeitsstelle finden, um den Kindern zu helfen und sie unterstützen zu können. „Wissen zu haben, ist wichtiger als Geld“ sagt sie. Ihr Mann unterstützte sie dabei, während ihres Lernens und sie wollte ihn auch nicht enttäuschen und gab im- mer ihr Bestes. Sie wollte unbedingt lernen und arbeiten.

Um dauerhaft ein geregeltes Einkommen zu sichern, fing sie eines Tages eine Ausbildung als Fach- Pflegerin an, denn sie wollte mit Menschen arbeiten und alten Menschen helfen. Sie mochte es, die Geschichten älterer Menschen zu hören. „Man kann immer von älteren Menschen lernen“ dachte Sal- ma. Und so besuchte sie nun als Pflegerin Menschen, die ihre Hilfe brauchten.

Die Kindern waren nun mittlerweile groß geworden und lernten selbstständig zu werden und die Fami- lie war ein vorbildliches Team, sie unterstützen sich gegenseitig und sie halfen sich immer gegenseitig in der Not.

 

Und sie alle lebten glücklich und in Freuden im Kasseler Osten, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. 

 

Steter Tropfen höhlt den Stein Anna Grisail

Leise prasselt der Regen auf den träge dahinfließenden Fluss.
Die Frau zieht die Knie an, wickelt die Decke fester um ihre Schultern und starrt ins Nichts.

Seit gestern sitzt sie hier. Schaut, schläft, schaut. Jetzt aber lässt sie sich aus ihrer kauernden Position zur Seite sinken, legt den Kopf auf ihre Tasche, streckt die Beine aus und schließt die Augen.
Sie sieht wieder, was sie zu vergessen sucht.
Sie sieht, wie ihr Mann vor ihr steht, sich auf dem Küchentisch abstützt und dabei zu ihr herabbeugt. Sie sieht seine kalt blitzenden Augen. Sie hört wieder die Stimme, die sie nie wieder hören wollte.

„Du willst den Führerschein machen? Du willst deinen Realschulabschluss nachmachen. Du willst studieren? Was du nicht alles willst!“

Er hatte nicht gebrüllt. Nein, noch nicht einmal laut gesprochen. Leise, einzeln und messerscharf kamen die Worte über seine Lippen. Jedes ‚du‘ bohrte sich in ihr Herz.

Dann hatte er sich mit den Worten „Du kannst ja mal versuchen, wie weit du kommst“, abgewandt und im Hinausgehen hinzugefügt: „So ganz ohne eigenes Geld.“

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sie ihn darum gebeten hatte. Anfangs hatte er noch gelacht, sie auf seinen Schoß gezogen, ihr das blonde Haar verwuschelt und ihr dann ins Ohr gehaucht: „Ich habe dich doch nicht zum Arbeiten geheiratet. Das kann ich viel besser als du. Du hast andere Fähigkeiten.“ Und mit diesen Worten hatte er sie hochgehoben und ins Schlafzimmer getragen. Anfangs hatte sie sich dabei noch begehrt, wertgeschätzt und aufgehoben gefühlt. Aber nach jeder abgewiesenen Bitte um mehr Eigenständigkeit bröckelte die Fassade und offenbarte ungeschönte Hässlichkeit.

„Auf was für Ideen du auch immer kommst. Du brauchst nicht arbeiten zu gehen. Was würden denn die Nachbarn denken. Dass ich meine Frau nicht ernähren kann? Die Ehefrauen meiner Kollegen haben nicht so kindische Ideen. Die haben Zuhause genug zu tun. Langsam geht mir das auf die Nerven. Sei vernünftig und lege dir ein paar Gemüsebeete an. Bei meiner Mutter gab es auch immer Eingemachtes. Die hatte keine Langeweile.“

„So ganz ohne eigenes Geld!“ Dieser letzte Satz hatte sich in ihr Gedächtnis geätzt. Neongrün pulsierend leuchtete er im Dunkeln vor ihrem inneren Auge. Im Hinausgehen hatte er das Licht ausgeknipst und die Türe hinter sich abgeschlossen, so als wäre sie nicht da.

Sie hatte noch eine Stunde reglos auf dem Küchenstuhl verharrt. Dann war sie aufgestanden, hatte warme Kleidung, ihr Fotoalbum und den Kulturbeutel in die Fahrradtaschen gestopft, seinen alten Armeeschlafsack

und eine Decke in eine große Abdeckfolie gehüllt und auf den Gepäckträger geschnallt.
Im Hinausgehen hatte sie nochmal kehrt gemacht, war zur Schrankwand gegangen, dorthin, wo er das Haushaltsgeld für die kommende Woche verwahrte, bevor er es ihr, wie üblich, am Montagmorgen auf den Küchentisch legte.Dann war sie gegangen.

Und nun liegt sie hier, auf dem Beton unter der Brücke und sieht dem Wasser beim Fließen zu. Sieht, wie das Wasser strömt und fließt, nicht enden wollend, immer in die gleiche Richtung, Hindernissen

ausweichend, sich anpassend. Steter Tropfen höhlt den Stein. Ausgehöhlt, ausgelaugt, abgeschliffen fühlt sie sich. Durch die Mangel gedreht. Es ist alles sinnlos, endlos aussichtslos.
Da dämmert es ihr. ‚Steter Tropfen höhlt den Stein!‘ Jeder Tropfen ist ein Unikat. Keiner gleicht dem anderen. Mehrfach einzeln sind es viele. Gemeinsam ist man stark. Ein Tropfen kann gar nichts ausrichten. Aber viele. Viele zermürben den Stein.

Sie steht auf. Schüttelt sich die Kälte und Steifheit aus den Gliedern, fasst Mut. Fasst einen Entschluss. Steigt aufs Rad und fährt in den Ort.

Es ist früh, aber der Bäcker hat schon auf. Einladend leuchtet warmes Licht durch sich verflüchtigenden Nebel. Sie stellt ihr Rad neben den Baum und öffnet die Ladentür. Wärme umfängt sie. Sie bestellt ein

Zimtbrötchen und einen heißen Milchkaffee, entdeckt die frisch gedruckte Tageszeitung, nestelt mit klammen Fingern die Münzen aus dem Geldbeutel, bezahlt und setzt sich an den kleinen runden Tisch am Fenster. Die Jacke lässt sie an und auch den wärmenden Schal, den sie sich um das Haar gewickelt hat. Während sie den Becher mit dem dampfenden Kaffee in beiden Händen hält, überfliegt sie die Schlagzeilen auf dem Titelblatt.

WER HAT SIE GESEHEN?

Und sie sieht sich. Blickt in ihre eigenen Augen. Liest, dass im Nachbarort Anna M. (26), die Ehefrau des angesehenen Obergefreiten Michael. M. (42) verschwunden ist. Liest, dass er sich ihr Verschwinden nicht

erklären kann, dass es sich nur um eine Entführung handeln kann, dass er fürchtet, seiner Ehefrau könne etwas zugestoßen sein.
Sie liest, dass Frau L., die Nachbarin, meint, dass Anna schon immer anders gewesen wäre, dass sie sich aber nicht vorstellen könne, dass sie einen so ehrenwerten, sich aufopfernden Ehemann freiwillig hätte verlassen können. So etwas gehöre sich doch nicht.

Anna trinkt den letzten Schluck Kaffee, schiebt sich möglichst unauffällig zur Tür und murmelt im Hinausgehen ein ‚Auf Wiedersehen‘. Draußen lässt sie ihren Blick den Horizont entlangfahren, findet den

Kirchturm, schwingt sich auf das Fahrrad und fährt los. Sie fährt durch noch leere Straßen, bis sie zur Friedhofsmauer kommt. Dort stoppt sie, steigt von ihrem Rad und schiebt es durch die Reihen der Grabstätten. Ihr Blick fällt auf ein hoch aufgehäuftes Grab. Darauf liegen zwei üppige Kränze mit goldenen Schleifen und Spruchbändern, die die frische Erde bedecken. ‚Geliebte Schwester‘ und ‚Meiner einzigen Tochter‘ steht dort und ganz vorne am Rand liegt einsam ein kleiner Strauß roter Rosen. Im Weitergehen nimmt Anna auf einer Bank nahe des Grabes eine Bewegung war. Überrascht und erschrocken blickt sie in die verweinten Augen einer jungen Frau, wendet peinlich berührt ihren Blick ab und geht weiter in Richtung der Kirche.

Die junge Frau sieht ihr noch eine Weile nach, holt dann ein zerknülltes Papiertaschentuch aus der Jackentasche, schnäubt sich die Nase und geht auf das Grab zu. Dort rückt sie den Rosenstrauß zurecht, zieht

sich die Kapuze ihrer Jacke ins Gesicht und geht zum Ausgang. Vor dem Friedhof steigt sie in einen alten VW-Bus, voller Möbel und Kartons, fährt über die Landstraßen, nimmt die Brücke, die den Fluss überquert und biegt kurz danach in eine Hofeinfahrt ab. Vor dem kleinen roten Backsteinhaus hält sie an, schließt die Türe auf und trägt Stück für Stück ihr Hab und Gut in das Gebäude.

Das alte Häuschen ist möbliert. Es sieht so aus, als wäre dessen Bewohnerin vor kurzem ausgezogen. Im Eingang stehen Gummistiefel und an der Garderobe hängen eine Öljacke, eine Hundeleine und eine

geblümte Schürze. Die junge Frau geht von Raum zu Raum und schafft sich Lücken, in die sie ihren spärlichen Besitz schiebt. Hier ein paar weiße Becher zwischen das geblümte Steingutgeschirr, einen Wok zwischen die blauen Emailletöpfe und dort ein paar vertraute Bücher zwischen unbekannte Reader’s Digests und der Blechtrommel. Zwei Stühle gesellen sich zum Kreis derer, die sich schon um den Tisch versammelt haben. Nur im Schlafzimmer tauscht sie Matratze gegen Matratze, Bettzeug gegen Bettzeug und Kleidung gegen Kleidung. Ganz zuletzt stellt sie einen Bilderrahmen auf den Nachttisch.
Zwei sich umarmende Frauen lächeln dort heraus. Eine davon, die mit den langen schwarzbraunen Haaren, ist sie.

Dann geht sie in die Küche, nimmt den Teekessel vom Gasherd und setzt Wasser auf. Ihr fröstelt, obwohl es nicht kalt ist im Haus. Draußen zieht sich das Tageslicht langsam zurück. Sie schiebt die selbstgehäkelte

Gardine zur Seite und blickt über den vernachlässigten Gemüsegarten hinweg auf den träge dahinziehenden Fluss. Auf der anderen Flussseite flackert etwas. Sie kneift die Augen zusammen.

 

Ein Feuer bei der Brücke und bei dem Wetter. Das weckt ihre Neugier. Sie dreht das Gas auf dem Herd wieder zu, nimmt sich die Öljacke vom Haken, steigt in die Gummistiefel, die ihr eine Nummer zu groß sind

und stapft durch den Nieselregen in Richtung Fluss. Am anderen Ende der Brücke steigt sie leise die Böschung hinunter. Unter der Brücke brennt ein kleines Lagerfeuer. Daneben sitzt eingehüllt eine Person.

„Hallo? Ich möchte nicht stören, aber ist das nicht zu kalt?“

Anna, die wie in Trance den Flammen beim Tänzeln zusieht, fährt erschrocken zusammen. „Nein, nein. Ist schon gut. Ich störe hier doch niemanden?“

Die junge Frau erkennt die Fahrradschieberin vom Friedhof. „Darf ich mich dazu setzen? Unter der Brücke regnet es nicht. Ich bin Mareike.“ „Anna.“ Sie rückt zur Seite, so dass Mareike neben ihr auf der Decke Platz findet.

Dann schauen beide Frauen dem Feuer zu. Irgendwann unterbricht Anna die Stille. „Ich habe dich heute auf dem Friedhof gesehen. An dem frischen Grab. Das war jemand, den du kanntest?“
„Ja.Nora. Sie ist vor ein paar Wochen an Krebs gestorben.Nora war meine Lebensgefährtin.“

Anna schaut nicht hoch. Sie sieht weiter in die Flammen. Sie möchte Mareikes Erzählung nicht unterbrechen. Sie möchte nicht ihre Tränen sehen. Sie möchte vor allem nicht, dass Mareike ihre eigenen feuchten Augen sieht.

„Sieben Jahre lebten wir zusammen. Dann kam der Krebs und nahm sie mit sich. Stunden habe ich auf dem Krankenhausflur zugebracht. Statt einer Auskunft bekam ich nur ein mitleidiges Lächeln – Ihre Mutter und ihre Brüder gingen an mir vorbei, als wäre ich Luft.“

Mareike nimmt einen Stein und wirft ihn in den Fluss.

„Dass wir ein gemeinsames Heim hatten, dass wir Dinge gemeinsam angeschafft hatten, dass wir zusammen alt werden wollten, das interessierte sie nicht. Auch nicht, dass wir gemeinsam einen Bauernhof führen wollten. Ich durfte ein paar Sachen zusammenkratzen und dann warfen sie mich raus.“
Ein zweiter Stein, landet neben seinem ehemaligen Nachbarn.

Mareike nimmt einen Ast und stochert im Feuer. „Und du?“

„Ich bin ausgeflogen. Ich war eingesperrt, irgendwie!“
Und Anna erzählt. Erzählt, was sie über die Jahre alles ertragen hat, erst stillschweigend, dann leise aufbegehrend. Dass die Nachbarn sich das Maul zerrissen haben.
Endlich kann sie ihre Gefühle in Worte fassen, endlich finden sie Gehör.

Als sie fertig ist, schweigen beide. Das Feuer findet keine Nahrung mehr und auch nicht ihre Wut. Ausgebrannt sitzen sie da.

„Komm mit“, sagt Mareike. „Ich habe den kleinen Hof meiner Oma geerbt. Dort bin ich heute eingezogen. Ich habe noch Platz und kann Hilfe gebrauchen.“ 

 

Beide Frauen stehen auf, greifen den Schlafsack, die Decke und die Taschen, kicken die heruntergebrannte Glut in den Fluss und verlassen das Versteck unter der Brücke.

Und wieder betritt Mareike das kleine Haus. Zu zweit wirkt es schon viel gemütlicher. Endlich darf die Flamme um den Gasring knistern und das Wasser im Kessel summen, bis es dem Kessel zu bunt wird und er anfängt, zu pfeifen.

Mareike und Anna setzen sich an den weiß angepinselten Küchentisch mit der abgezogenen Holzplatte, die warmen Teebecher zwischen den Händen haltend und lernen sich kennen. Sie reden, lachen, schütteln die Köpfe über bornierte und egoistische Menschen, die ihre Mitmenschen für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, über tratschende Nachbarn, die sich mehr um die Dinge anderer, als um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, über zerplatzte Träume und sie schmieden Pläne.

Mareike will den Gemüsegarten wieder auf Vordermann bringen und den Hühnerstall reparieren. Anna möchte das Gemüse verarbeiten und einmachen. Ihr fällt ein, sie könne ja abends Socken und Schals stricken, damit Mareike sie mit den überzähligen Eiern auf dem Markt verkaufen kann, während Anna morgens den Schulabschluss nachholt. Mareike meint, im ehemaligen Kuhstall würden sich Schafe wohlfühlen und außerdem bräuchten sie ja Wolle für Annas Strickereien. Und beide beschließen, die großen Weideflächen an den Milchbauern zu vermieten, damit Geld reinkommt. Und noch auf der Stiege hoch in ihre Schlafzimmer verspricht Mareike Anna das Autofahren beizubringen.

Die Nacht hatte sich zurückgezogen und ein Federbett aus weichem Nebelflaum auf den Feldern liegen lassen. Am Horizont schiebt die Sonne feuchte Wolkenberge vor sich her, die, von der Wärme vertrieben, das Weite suchen. Endlich erhebt sich der Nebel aus seinem Bett und löst sich auf.

Auch Anna ist früh aufgestanden, hat sich auf ihr Rad geschwungen, ist zum Bahnhof gefahren und dann weiter mit dem Zug in die nahegelegene Großstadt. Dort hat sie einen Anwalt gefunden, der ihr zuhört, ihr Mut macht, der das Scheidungsverfahren übernimmt und ihr verspricht, ihren Aufenthaltsort nicht Preis zu geben.

Anna sieht wieder Licht am Horizont. Die Sonne geht auf, mit ihr die Hoffnung. Sie schöpft Kraft, bekommt wieder Luft, kann atmen. Wie schön doch der Tag ist, wie beschwingt es sich geht, so ohne Last. Wie stark sie sich jetzt fühlt. Sie will es wissen. Gestern, im Ort, hat sie in der Kirche niemanden angetroffen. Aber hier, in der großen Stadt, hier wird sie es nochmal versuchen.

Sie geht auf den Marktplatz. In der Kirche ist gerade die Messe zu Ende gegangen. Die letzten Gläubigen treten aus dem Gebetshaus. Anna schlüpft hinter ihnen hinein. Sie ist nicht gläubig, aber sie möchte eine Stellungnahme. Sie möchte hören, dass kein Mann sich so benehmen sollte. Sie möchte bestätigt erhalten, dass eine Ehe anders abzulaufen habe. Sie möchte später sagen können, dass die Menschen ehrlich, gut, gerecht und anteilnehmend sind, unbefangen, offen und verständnisvoll. Also tritt sie in den Beichtstuhl, nachdem die letzte Gläubige ihn verlassen hat.

Zehn Minuten später fühlt sie sich aller Hoffnungen beraubt, verlässt zügig das Haus, in dem sie keinen verständnisvollen Stellvertreter Gottes auf Erden getroffen hat und setzt sich draußen auf dem Marktplatz auf eine Mauer. Es ist schattig und kühl. Die Sonne hat sich hinter ein paar dicke Wolken verzogen. Anna fröstelt.

Sind alle Menschen so? Hat niemand mehr Mitgefühl für seinen Nachbarn? Wird nur noch abgewertet, gemessen, beurteilt und verurteilt, wenn etwas nicht den eigenen Vorstellungen entspricht?

„Keinen guten Tag heute?

Neben ihr sitzt ein Mann, etwa in ihrem Alter. Er beißt in sein Bratwurstbrötchen.

„Nein, ich habe gerade erfahren, dass man nur dann auf Verständnis stößt, wenn man so ist, wie die Masse. Schmeckt die Bratwurst?“

„Ja, sehr gut. Willst du auch eine? Ich lad dich ein. Siehst so aus, als könntest du sie gebrauchen.“

„Danke, bleib sitzen, ich hol mir eine.“

Als Anna mit ihrer Bratwurst zurückkommt ist der Mann noch da und fragt: „Warum bist du nicht wie die Masse? Mich brauchst du ja nicht zu fragen.“

Anna lacht. „Für mich bist du schön braun. Ich bin käseweiß!“

„So sieht das leider nicht jeder.“

„Wieso?“

„Weil ich seit Wochen keine Wohnung finde. Und dass, obwohl ich nicht rumlaufe, wie ein Penner, einen Ausbildungsplatz habe und Deutsch spreche.“

„Und wo lebst du, so ohne eigene Wohnung? Und was machst du beruflich?“

„Mit deiner Neugier könntest du da anfangen, wo ich arbeite“, grinst er. „Ich möchte Journalist werden und habe einen Ausbildungsplatz bei der Tageszeitung.“

„Wie? Und dann bekommst du keine Wohnung?“ Anna schaut ihn ungläubig an.

„Ich bin wegen der Ausbildung erst hergezogen und darf auf dem Sofa eines Freundes schlafen. Aber ich möchte meine eigene Bleibe haben. Nur, wer nimmt momentan jemanden, der aussieht, wie ein Ausländer. Alle scheinen Angst zu haben, ich könnte sie überfallen und ausrauben.“

„Ich hatte gestern auch noch keinen Schlafplatz – bis ich Mareike getroffen habe. Jetzt wohne ich bei ihr.“

„Warum hattest du keinen Schlafplatz?“

„Ich habe vor zwei Tagen meinen Mann verlassen, weil ich mich dort eingesperrt und bevormundet fühlte. Dann hat mich Mareike unter der Brücke aufgelesen und mit in ihr Haus genommen. Ihr erging es auch nicht besser.“ Anna schaut ihn nachdenklich an. „Wie heißt du eigentlich?“

„Joe.“

„Ich wüsste, wo ein freies Zimmer ist. Dafür müsstest du aber raus aufs Land vor die Großstadt.“

„Jaaaa, das wäre machbar.“

„Wenn du Zeit hast, komm mit. Dann wollen wir mal sehen, ob Mareike sich das auch vorstellen kann.“

„Mareike heißt die gute Samariterin! Und du bist?“ „Anna.“

„Anna, du bist vorhin aus der Kirche gekommen, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte es dir die Suppe verhagelt.“

„Ja. Der Pfarrer hat das heilige Sakrament der Ehe beschworen und mich an meine Pflichten erinnert. Nur gut, dass mein Anwalt das nicht so sieht.“

„Das kostet dich dann aber wohl mehr als einen Opferstockgroschen“, grinst Joe und wirft die zusammengeknüllte Serviette mit gekonntem Schwung in einen Mülleimer. „Ich muss leider los. Die Arbeit ruft. Aber ich habe ja eure Adresse.“

Den Zettel mit Mareikes Adresse steckt er ein und wirft Anna zum Abschied einen Luftkuss zu. Anna schwingt sich auf den Sattel und lenkt beschwingt das Rad durch die alten Kopfsteinpflastergassen. Sonnenstrahlen blicken vorwitzig über Dachfirste in die Gassen während die Vögel dem Frühling entgegenzwitschern.

Anna hatte Joe keine falschen Versprechungen gemacht. Er kommt noch am selben Abend vorbei, in der einen Hand eine Tüte mit Fisch und in der anderen eine Flasche Rotwein. Sie kochen gemeinsam, leeren die Flasche und lernen sich kennen, mit dem Resultat, dass das Zimmer unter dem Dach einen neuen Bewohner bekommt und Mareike und Anna jemanden, der sie bei ihrer Arbeit unterstützte Außerdem kommt jetzt etwas Geld in die gemeinsame Kasse.

An einem Freitagabend, einige Wochen später - die Sonne macht sich gerade bereit, über den Horizont zu klettern, um sich dahinter in die Tiefe zu stürzen - biegt Mareike schwungvoll und mit quietschenden Reifen in die Einfahrt ein. Joe, der dabei ist, Feuerholz zur Feuerstelle hinter dem Haus zu tragen, kann sich gerade noch zur Seite retten.

„Wow, Mareike, welcher Teufel hat dich denn geritten?“

„Noras bucklige Verwandtschaft!“ Mit lautem Scheppern wirft sie die Autotür ins Schloss und tritt gegen ein Holzscheit, den Joe hatte fallen lassen. „Die sind an meinem Stand mit gerümpfter Nase vorbei stolziert und haben dabei lauthals von sich gegeben, dass man bei so jemandem wie mir nichts kaufen könne, ohne Gefahr zu laufen, sich Aids einzufangen.“

„Willkommen im Club. Komm mit, es gibt Bratwürste und Salat.“

Mareike sammelt die restlichen Holzscheite auf und folgt Joe in den Garten. Dort sitzt sein Freund Lukas, auf dessen Couch er einige Wochen gesurft hatte und Lucia, eine junge Journalistin aus der Redaktion. Anna kommt gerade mit einer Schüssel Salat aus der Küche. Über allem hängt der Duft verbrannten Holzes und in die Glut tropfenden Bratwurstfettes.

Mareike bekommt eine Flasche Bier in die Hand gedrückt und den Auftrag, sich erst einmal zu setzen. „Und welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“ fragt sie Joe.

Joe zuckt mit den Achseln. „Das Übliche. Schräge Blicke von der Seite, Wechseln der Straßenseite, als ob ich einen Sprengstoffgürtel trüge oder krampfhaftes Festhalten von Taschen, so als würde ich mich gleich wie ein Wahnsinniger darauf stürzen. Erst wenn sie mit mir ins Gespräch kommen verschwindet die Anspannung. ‚Oh, da spricht ja einer fließend Deutsch. Ohne jeglichen Akzent. Von dem wird ja wohl keine Gefahr ausgehen‘.“

Anna drückt Joe die Salatschüssel in die Hand und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. „Dir hören sie dann wenigstens zu. Ich bin die Verkörperung des Bösen. So wie Mareike auch.“

„Wieso das?“, fragt Lukas, der Annas Vergangenheit nicht kennt.

„Beim Einkaufen bin ich heute meinem ehemaligen Mann begegnet, der mir zu verstehen gab, dass ich es noch bereuen würde, ihn verlassen zu haben und mich nur ja nicht im Ort sehen lassen sollte. Alle wüssten, was für ein Flittchen ich wäre.“

„Man müsste für sich Werbung machen.“ Alle schauen zu Lucia.

„Na ja. So nach dem Motto: Seht her. Ich bin gar nicht böse. Was ihr über mich gehört habt sind nur ‚alternative Fakten‘.“

Mareike verschluckt sich fast vor Lachen. „Bist du bei Trump in die Lehre gegangen?“ „Ne, ich schreibe nur täglich darüber. Da bleibt so’n Stuss leider hängen.“

„Mit dem möchte ich mich aber nicht vergleichen. Unsere Fakten sind ganz altmodisch Fakten und keine Lügen.“ Anna schaut ganz entgeistert in die Runde.

„Lucia hat Recht.“ Mareike schaut sie strahlend an. „Wir müssen die Lügen der Anderen aufdecken. Ihre Wahrheitsverdrehungen an den Pranger stellen. Den Nachbarn die Augen öffnen.“

„Ja, aber wie?“ Anna und Lukas sehen sich ratlos an.

Joe beugt sich verschwörerisch nach vorne. „Ich hab da eine Idee. Dazu brauche ich aber eure Hilfe. Also...“

Eine Woche später, die Sonne schickt sich gerade an, den Himmel in leuchtendes Rot zu tauchen, bewegen sich fünf Fahrräder die dunkle Landstraße entlang. Auf jedem der Räder hockt, leicht nach vorne gebeugt, eine vermummte Gestalt. Als wären sie Autoscooter ragt ein länglich dünner Gegenstand über Schulter und Kopf hinaus, als wolle er sich die benötigte Energie aus dem tief hängenden feuerroten Himmel holen. Zwei der Gestalten wächst außerdem ein unförmiger Buckel. Immer kleiner werdend bewegen sie sich im Gänsemarsch dahingleitend auf das nahegelegen Dorf zu.

Meine Güte. Schon so spät. Müde schaut die Frau auf den Wecker neben ihrem Bett. Wie konnte sie nur so lange schlafen. Morgenstund‘ hat Gold im Mund. Sie angelt mit dem rechten Fuß nach ihren Puschen, die leicht unter das Bett gerutscht sein müssen, greift nach dem geblümten Morgenmantel aus Seidensatin und tastet sich langsam die Treppe hinunter.

Was werden nur die Nachbarn sagen, wenn der Vorhang zu so später Stunde noch immer geschlossen ist. Vielleicht werden sie diesen Fauxpas auf das Leid einer Mutter zurückführen, die ihre Tochter in so jungen Jahren an diese heimtückische Krankheit verloren hat. Ja, da werden sie Verständnis haben. Vielleicht, so denkt sie, sollte ich die Vorhänge noch ein Weilchen geschlossen halten und erstmal einen Kaffee Latte trinken.

Sie stellt ihren Becher unter den Zapfhahn des Kaffeeautomaten und drückt einen Knopf. Die Maschine beginnt zu mahlen, spuckt Kaffee in den Becher, faucht gewaltig und lässt aufgeschäumte Milch in das dunkle Getränk schießen. Mit dem Kaffeebecher in der Hand schlendert die Frau durch ihren Salon, der einem Blumenladen gleicht, allerdings einem, der mit Trockenblumensträußen handelt. Überall stehen Trauerkarten zum Tode ihrer geliebten Tochter. Sie versichern der trauernden Mutter, dass aus ihrer Tochter eine hervorragende Ärztin geworden wäre, hätte sie ihr Studium beenden können und beklagen, wie schrecklich es doch sei, so kurz vor der geplanten Hochzeit mit einem honorierten Professor das Zeitliche segnen zu müssen. Und wie schade es doch wäre, dass die Hochzeit nun nicht stattfinden würde und nun niemand den hübschen, wohlsituierten Bräutigam kennenlernen könne, da er sich in seiner Trauer so schnell in sein Heimatland zurückgezogen habe.

Ja, sie hatte dafür gesorgt, dass das Ansehen ihrer Tochter im rechten Licht stand.

Und dafür werde ich auch weiterhin sorgen. Bestimmten Schrittes geht sie zurück in die Küche, zieht den Vorhang schwungvoll auf, stellt im Umdrehen ihren Kaffeebecher auf dem Tisch ab und geht zügig zur Haustür, um die Tageszeitung hereinzuholen. Schimpfend angelt sie diese aus der Briefkastenröhre und blickt hoch, da sie einen nachbarschaftlichen Gruß zu hören meint. Wie vom Donner gerührt starrt sie auf die ihrem Haus gegenüberliegende Mauer, hinter der sich das Hofgestüt befindet. Davor steht eine Gruppe jugendlicher Reiter, die abwechselnd auf ein riesengroßes Plakat schauen und dann hinüber zu ihr. Von dem Plakat herab starrt eine Frau mittleren Alters, neben sich zwei junge Männer. Darüber steht in großen Lettern:

Hier sehen sie eine Frau, die die Lebensentwürfe ihrer Tochter verleugnet, vorgibt, die Tochter hätte etwas Besseres werden wollen als Bäuerin und deren Geliebte vor die Tür setzte. Wenn sie könnte, würde sich ihre Tochter vor Gram im Grabe umdrehen.

Zur gleichen Zeit verringert ein ICE leise quietschend sein Tempo, hält an und öffnet die Türen. Ein Mann in Uniform steigt hocherhobenen Hauptes aus und geht schnellen Schrittes über den Bahnsteig, vorbei an Reisenden, die ihm, aus Angst überrannt zu werden, hastig Platz machen. Den sich anbietenden Taxifahrer winkt er ab. Er hat es nicht weit. Außerdem genießt er es, gesehen zu werden. Schließlich ist er anerkannt.

Wie gewohnt hebt er lächelnd die Hand, um der hübschen Brünetten vom Blumenladen an der Ecke zuzuwinken. Sie muss ihn wohl nicht gesehen haben, denn im selben Augenblick wendet sie sich ab und geht zurück in ihren Laden. Schade auch!

Im Weitergehen ruft er dem Zeitungshändler vom Kiosk ein joviales „Einen schönen Tag, Horst. Wie steht’s?“ zu. Horst scheint ihn heute aber nicht gehört zu haben. Stur stiert er auf eine vor ihm liegende geöffnete Zeitung.

Kopf schüttelnd geht der Mann zielstrebig auf die Bäckerei zu. Hier kauft er täglich seine Brötchen. Jetzt um die Mittagszeit ist der Verkaufsraum leer – bis auf die Besitzerin und ihre Auszubildende. Kaum öffnet er klingelnd die Ladentür, dreht sich Hannah die Bäckerin auf dem Absatz um und verschwindet nach hinten in die Bäckerei. Die Auszubildende bleibt wie angenagelt stehen und starrt ihn leicht dümmlich mit offenem Mund an.

Er baut sich vor ihr auf und starrt zurück. „Mach den Mund zu. Es zieht!“

Fast hörbar klappt sie den Mund zu und angelt nach den Brötchen, die er täglich kauft.

„Was ist los? Wo ist Hannah so plötzlich hin. War doch eben noch da?“

„Äh, die, äh musste mal ganz plötzlich, äh, nach hinten.“

„Was hat man dir bloß im Deutschunterricht beigebracht.“ Mit diesen Worten wirft er dem Mädchen das Geld auf den Tresen, dreht sich abrupt um und stürmt aus dem Laden.

Was ist heute nur los mit den Leuten.

Kurz vor seinem Haus begegnet er Frau Langold, seiner Nachbarin. Inzwischen traut er sich kaum noch, sie anzusprechen. Gewöhnlicherweise wirft sie sich ihm in den Weg, überschüttet ihn mit Schmeicheleien und ertränkt ihn in einem nicht enden wollenden Wortschwall. Heute steht sie schweigsam am Straßenrand und stützt sich auf den Besen, mit dem sie kurz zuvor den blankgeputzten Straßengraben bearbeitet hatte. Sie schaut ihn an und schüttelt missbilligend den Kopf. Er hebt nur fragend die Augenbrauen, da deutet sie mit der freien Hand auf eines der übergroßen Reklameplakate. Er selber, furchteinflößend groß in Uniform starrte auf sich herab. In einer überdimensional großen Sprechblase steht dort:

 

Ich benutze meine Frau als Sexobjekt, untersage ihr jegliche Ausbildung, verbiete ihr Arbeiten zu gehen und mache sie abhängig von dem Haushaltsgeld, das ich ihr abgezählt vorlege. Und wenn sie deshalb wegläuft stelle ich sie als Flittchen dar. Habt ihr ein Problem damit?

An mehreren öffentlichen Orten des kleinen Städtchens bilden sich seit dem Morgen Gruppen. Heftig diskutierend stehen sie dort, die Menschen; jung und alt, arm und reich, dunkel- oder hellhäutig, im grauen Anzug oder löchrigen Jeans und grünen Haaren. Sie stehen vor der Bank oder dem Rathaus, vor dem Immobilienbüro oder der Arbeitsagentur. Und sollten die Orte und die Menschen, die dort stehen, noch so unterschiedlich sein, sie haben alle etwas gemeinsam. Dort hängt ein großes Plakat, auf dem die Menschen genau so unterschiedlich sind, wie die, die vor dem Plakat stehen. Und wer lesen kann, der erfährt folgendes:

 

Egal welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher sexuellen Neigung wir zuzuordnen sind, wir wollen alle das gleiche – Frieden, Liebe und Anerkennung. Darum bitten wir euch, behandelt uns auch so.